(Autor des folgenden Textes ist W.S.)

Meine Motive für die Initiative

Vor zwei Jahren ist in mir eine Idee, eine Art Vision aufgetaucht und hat mich innerlich sehr beschäftigt: Wohin drängt uns Menschen unsere unglaublich leidvolle Missachtung des enormen Potentials des Lebens? Die Idee der Initiative tauchte auf und es beschäftigte mich die Frage, wie sie zugestalten ist und was damit zu machen ist. Nach vielen Gesprächen mit Freunden mache ich sie hiermit öffentlich, nicht als fertiges Produkt, sondern als Anregung, die sich weiter entfalten kann.

Der intensive Kontakt und der ernsthafte Austausch mit Menschen, die angesichts der eigenen Probleme und der Situation in der Welt ähnlich denken und empfinden, ist mehr als eine Bereicherung des Lebens, es führt zu einer anderen Art zu leben. Wenn immer ich diese intensiven Beziehungen erlebe, fühle ich in mir eine große Freude. Mit der Initiative will ich diese Art des gemeinsamen Lebens unterstützen. Dabei habe ich keinen bestimmten Plan, kein persönliches Ziel. Alles Weitere hängt davon ab, ob sich Menschen davon angesprochen fühlen.

Die Veränderung des alten Bewusstseins, das vom Egoismus mit seiner Angst vor dem Leben bestimmt ist, und die Entdeckung der Wirklichkeit unserer allseitigen Verbundenheit geschieht nach meinen Beobachtungen nur bei großer Achtsamkeit sowohl für die eigenen inneren Prozesse als auch für die Erfahrungen, die Empfindungen und Gefühle in den Beziehungen zu anderen Menschen und zur Natur. Je intensiver und offener Menschen miteinander umgehen, umso weitreichender ist die Veränderung des Bewusstseins.

Etwas Ungewöhnliches geschieht,

wenn Menschen, welche die Notwendigkeit eines Bewusstseins über den Zusammenhalt der Menschheit und die Verbundenheit mit der Natur erkannt haben, gemeinsam im Umgang miteinander erforschen, wie wir funktionieren und was die Destruktivität, den Egoismus, auch in seinen verdeckten Formen, in uns selbst ausmacht.

wenn wir uns nicht an Buchwissen und den Meinungen von Experten orientieren, sondern auf das eingehen, was in unserem alltäglichen Leben tatsächlich innerhalb und außerhalb von uns geschieht.

wenn wir uns dabei nicht auf die Produktion schöner erleuchtender Gedanken beschränken, sondern bis auf die Ebene der Gefühle in unserem Alltag, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen bis hin zu den Fragen von Leben und Sterben gehen.

Es geschieht etwas Ungewöhnliches, das wir meist nicht gewohnt sind.

Diese Intensität von Beziehung ist nur bei einem sehr achtsamen Umgehen miteinander möglich. Jede Forderung und jeder Anspruch an die anderen an Perfektionismus, Ehrlichkeit, Moral, Geld, Unterstützung usw. muss verworfen werden. Jeder muss sich um die Klarheit und Ordnung des eigenen Lebens bemühen, so gut es eben möglich ist.

Wenn kein Geschäft, kein persönlicher Gewinn, keine Erwartungen an die anderen, keine Abhängigkeit, kein ideologisches Konzept und auch keine praktischen Vorgaben damit verbunden sind, ist die tiefe Ehrlichkeit da, aus der heraus ein neues gemeinsames Bewusstsein entsteht.

Alles, was sich daraus entwickelt, ist nicht mehr Angelegenheit einer Person, sondern Ausdruck der gelebten Gemeinsamkeit. All unser Handeln kann in diesem Geist geschehen. Es ist überflüssig, über eine andere Art zu leben nur zu reden oder zu schreiben, ohne es zu tun. Das gemeinsame Handeln richtet sich gegen keine anderen Personen. Allerdings wird man auch nicht zulassen, von anderen benutzt und ausgenutzt zu werden.

So wie die gesellschaftliche Situation sich in unseren psychischen Strukturen abbildet, so bestimmt unsere psychische Verfassung die gesellschaftlichen Strukturen. Das Sein und das Bewusstsein sind nur zwei verschiedene Blickwinkel der selben Angelegenheit, nämlich wie wir in unserer Welt leben.

Wenn unser Verstehen von uns selbst sich verändert, also unser Bewusstsein klarer wird, hat es natürlicherweise Auswirkungen auf unseren Alltag, wie wir leben, arbeiten oder uns engagieren. Das hat jeder bewusst lebende Mensch in guten Beziehungen zu andern Menschen schon erfahren. Jeder Mensch hat in seinem Alltag die Möglichkeit, ein Leben voll Liebe und Freude zu leben, wenn ihm bewusst wird, was ihn daran hindert.

Die Initiative "Anders leben"

bietet die Möglichkeit, diesen Erkenntnisprozess gemeinsam zu gestalten. Falls sich eine Organisation auf der Grundlage der Initiative bildet, hat sie, soweit ich sehe, kein Vorbild, denn sie hat keinen Plan und kein Ziel. Das einzige, was jedem klar sein sollte, ist die Verneinung des alten egoistischen Denkens, das soviel Leid auf der Welt produziert. Die Verneinung des Egoismus kann nicht durch Verleugnen oder Unterdrücken des Egos kommen, sondern nur indem wir Einsicht in seine Destruktivität im ganz konkreten Leben und im Umgang miteinander bekommen. Gemeinsam können wir uns viel rascher und tiefer aus dem Egoismus lösen. Eine solche Organisation kann zu einem wirklichen Abenteuer werden, weil die Teilnehmer sich in ein unbekanntes Land begeben.

Worauf soll das hinauslaufen? Was soll man dann zusammen gestalten? Wie soll das in dieser zerrissenen Welt funktionieren?

Weder ich, noch irgendeine andere Person kann das wissen. Denn das, was wir dann gemeinsam tun, ergibt sich erst aus der Verbindung der Menschen, die an dem neuen DenkenFühlen interessiert sind. Jeder von uns trägt einen Reichtum an tieferem Wissen in sich, wie wir liebevoll, menschlich, in Frieden auf hohem kulturellen Niveau leben können. Außerdem hat jeder ein umfangreiches praktisches Wissen über die Probleme dieser Gesellschaft dort, wo er lebt, arbeitet und sich politisch, sozial oder religiös engagiert. Wenn all dieser Reichtum lebendig wird in der Fülle von Beziehungen, die sich zuallererst um die Überwindung der vielfältigen Spaltungen, um den Zusammenhalt, um die Liebe bemühen, kann eine gewaltige positive Energie entstehen, die vielleicht auch alle gesellschaftlichen Bereiche verändern kann. Doch es geht nicht darum, ein Ziel zu verfolgen, sondern darum, jetzt, in der Gegenwart, dem einzigen wahren Leben, in intensiver Verbundenheit zu leben.

Vielleicht ist die Initiative nur ein Tropfen auf den heißen Stein, der rasch verdampft. Vielleicht aber werden die Tropfen im Kontakt mit vielen anderen gleichgesinnten Menschen und Initiativen zu Rinnsalen, Bächen, Flüssen und eines Tages zu einem mächtigen Strom, der uns mit dem Ozean der Liebe verbindet, aus dem alles Leben kommt. Vielleicht kommt der destruktive Egoismus an sein Ende. Wer weiß das schon. Das wirklich Neue, das in einer liebevollen Vernetzung der Menschen entsteht, ist dem Alten, unseren begrenzten individuellen Vorstellungen, nicht bekannt.

Jeder, der diese Einsichten teilt, kann sich darum kümmern, anders zu leben. Vielleicht entsteht auch ein Diskussionsforum, in dem wir auch Fragen und Anregungen erörtern können.

Darüber hinaus bietet die Initiative die Möglichkeit sich mit Menschen zu vernetzen, die ebenfalls grundlegend anders leben wollen.

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