Infobrief 9: Oh weh, wir können sterben. Das darf doch nicht wahr sein!

Es gibt einen 120 Unterrichtsstunden umfassenden, von der Deutschen Krebsgesellschaft anerkannten Kurs für ärztliche und psychologische PsychotherapeutInnen, damit sie die psychotherapeutische Behandlung von Krebspatienten optimal durchführen. Professoren, Doktoren und andere Psychospezialisten hat der Träger des Kurses, das Institut für Innovative Gesundheitskonzepte, als Referenten gewonnen. Die Fülle von 48 verschiedenen Themen wird dort vermittelt. Der „Umgang mit Sterben und Tod“ wird nur im Zusammenhang mit Hospizdiensten unter dem Oberthema „Versorgungsstrukturen und sozialrechtliche Grundlagenkenntnisse“ abgehandelt.

Das größte psychische Problem, dass fast alle an Krebs Erkrankten haben, ist die Angst zu sterben. Die Spezialisten des Kurses wagen es nicht, diese Angst vor Tod und Sterben zu benennen. Da man aber an dieser Angst in der Therapie nicht vorbei kommt, gibt man ihr einen „erträglicheren“ Namen, um die Wahrheit nicht auszusprechen: „Umgang mit Progredienzangst“ ist ein Thema, auf Deutsch: Umgang mit der Angst vor dem Fortschreiten der Krebserkrankung.

In den Gesprächen mit allen Patienten, deren Leben von einer schweren Krankheit bedroht ist, spreche ich über die Möglichkeit des Todes. Dies führt keineswegs zu einer Verschlechterung der psychischen Verfassung. Den Tod ausblenden wollen, obwohl diese Befürchtung sowieso fast unablässig in den Köpfen der Betroffenen kreist, das verzehrt zusätzlich die geschwächte Lebensenergie. Mit dem Tod bewusst zu leben, das hingegen bedeutet, in höchstem Maße das Leben wert zu schätzen. Jeder Tag, jede Stunde zählt und will deshalb so gut wie irgend möglich gelebt werden. Und das Bewegende ist, dass die betroffenen Menschen auf einmal sehen, dass dies ja nicht nur für sie gilt, weil ihr Leben von einer Krankheit bedroht ist, sondern genauso für jeden gesunden Menschen, der ja ebenfalls jederzeit und plötzlich versterben kann. Ist es das, was Therapeuten oft nicht aushalten, wenn sie sich um den Tod herumdrücken? Was könnte denn das Immunsystem von Krebspatienten besser stärken und ihre Lebenszeit verlängern, als wenn sie das Leben als höchst wertvoll begreifen und diese Kostbarkeit voll Dankbarkeit in jeder Stunde genießen?

Den seinerzeit erfolgreichsten europäischen Psychotherapieforscher, Prof. Klaus Grawe, habe ich vor einigen Jahren in der Diskussion zu seinem Vortrag gefragt, wie er das Thema „Angst vor dem Tod“ in seinen Konzepten berücksichtigt. Sinngemäß antwortete er, dass diese Frage meist kein Thema in der Psychotherapie sei, da die Patienten meist doch jünger seien. Für mich war es damals sehr unbefriedigend und ist nach wie vor falsch. Auch jüngere Menschen kommen mit Tod und Sterben in Kontakt durch sterbende Eltern und Geschwister, durch tödliche Unfälle durch Altersgenossen, durch lebensbedrohliche Erkrankungen, die keine Rücksicht auf das Alter nehmen, und - nicht zu vergessen - haben sehr viele (die meisten Menschen?) tiefsitzende Todesängste in früher Kindheit erlebt, wenn das Geborgenheitsgefühl durch das Verhalten der Erwachsenen krass erschüttert wurde. Oft werden Menschen nicht damit fertig und suchen Hilfe bei Psychotherapeuten. Kurze Zeit später ist übrigens Prof. Grawe selbst überraschend, soweit ich weiß, an einem Herzinfarkt verstorben.

Leben und Tod sind nicht zu trennen. Wer angstfrei leben will, muss dies begreifen und sich mit der Wirklichkeit der Begrenztheit dieses Lebens auseinander setzen. Wenn ein Psychotherapeut dieser Seite des Lebens ausweicht, dann vergrößert er noch diese Angst vor dem Tod. Denn wenn der Patient merkt, dass nicht einmal ein Therapeut mit seinem „schrecklichen“ Thema umgehen kann, wird sich seine Angst davor noch mehr steigern.

Es sind wunderbare Gespräche mit lebensbedrohlich erkrankten Menschen, denen es gelingt, zu innerer Freiheit und Frieden zu gelangen. Wenn wir der Realität, dass unser Leben sowieso begrenzt ist, ins Auge sehen, enden diese fruchtlosen und deprimierenden Grübeleien „Ich will nicht sterben“. Die bestmögliche Antwort auf die Angst vor „Progredienz“, die in Wahrheit die Angst vor dem Tod ist, das ist die Liebe für das Leben, solange wir es haben, und die Entfaltung dieser Energie der Verbundenheit im Lebensalltag.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 5
Joachim Mihatsch 30.09.2013
12:31:00
eine sehr treffliche Bechreibung.
Der Tod selbst ist doch nichts was man fürchten muss - entweder ist danach "nichts", einfach nur Licht aus - oder gemäß der meisten Religionen "was besseres".

Ich selbst habe mein Lebtag lang gesagt und empfunden, dass ich den Tod nicht fürchte, höchstens den Weg dahin, der kann ja oft dornig seien.

Nun bin ich selbst vor 6 Monaten völlig überraschend an Leukämie erkrankt.
Die behandelnden Ärzte hier im Uni-Klinikum Essen haben auch nie einen Hel daraus gemacht, dass viele an dieser Krankheit sterben und der Tod mich die nächsten Monate begleiten wird, da wurden sogar Prozentwerte für mich errechnet.
Ich habe und hatte auch während der Behandlung nie Angst vor dem Tod an sich, auch wenn er mal anklopfte, überhaupt keine.

Vor dem Weg dahin, einer weiteren Verschlechterung meines Zustandes, vor Schmerzen, Siechtum, langsamem Verfall und auch vor dem Leid der Angehörigen, davor hatte und habe ich richtig Angst.

Nun bin ich erfolgreich transplantiert, der Tod ist wieder in weitere Ferne gerückt, - aber dass mich morgen der Blitz trifft oder die Pumpe plötzlich abschaltet, davor habe ich heute wie früher keine Angst.

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Wolfgang Siegel 30.09.2013
23:52:00
Lieber Herr Mihatsch,
ich habe Ihren Bericht mit freudigem Herzen gelesen bis auf den vorletzten Absatz. Hilft uns die Angst vor dem Siechtum? Wir wissen doch gar nicht, wie es werden wird. Womöglich haben wir uns umsonst Angst gemacht. Auch diese Dinge lasse ich wie den Tod auf mich zukommen. Falls sie eintreten, brauchen sie dann eine Antwort, aber noch nicht jetzt. Allerdings meine ich das vorsichtig aus meiner Situation heraus, in der ich noch keine schwere Erkrankung durchgemacht habe.
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Tanja König 10.10.2013
13:12:00
Ich denke, meist ist es nicht die Angst vorm Tod, sondern die Angst vor der Art des Sterbens.
Wenn mir jemand eine sichere schnelle Art des Sterbens bieten würde ... Der Tod ist die Vollendung, der absolute Frieden.
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Wolfgang Siegel 16.10.2013
23:55:00
Tod und Sterben ist ein Komplex den unabänderlichen Endens. Wir wissen weder wann noch wie es geschieht. Das ist das einzige, was wir wissen. Also machen wir uns Gedanken darüber, der eine mehr über den Tod, die andere mehr über das Sterben, je nachdem wovor man persönlich mehr Angst hat. Aber alle Gedanken über diesen Komplex Sterben/Tod werden diese Herausforderung niemals lösen. Das geschieht erst, wenn wir dran sind. Also spare ich mir diese überflüssige Denkerei und lebe mit den Tatsachen: Er kommt und ich weiß nicht wann und wie. Mehr hab ich dazu nicht zu sagen.
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Tanja König 17.10.2013
11:31:00
Ich setze mich schon mit dem Sterben auseinander. Ich will auf keinen Fall in ein Pflegeheim und ich will auch niemandem zur Last fallen, also sieht man sich für den Fall der Fälle nach Alternativen um, die zwar hier in Deutschland alle illegal sind, aber es gibt trotzdem Mittel und Wege. Ich finde die belgische Rechtsprechung sehr interessant.
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26.07.2013

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