Infobrief 8: Der Krieg der Geschwister, verursacht von den Eltern

Viele Eltern betrachten ihre Kinder als ihr Eigentum. Sie sollen denken und tun, was die Eltern wünschen. Jetzt denkst du, lieber Leser, wenn du eine gute Kindheit gehabt hast, vielleicht an andere Eltern und Kinder. Aber Vorsicht, das Benutzen der Kinder durch die Eltern hat viele Facetten und ist weltweit tief in uns allen verwurzelt. Die offenkundige Ausbeutung durch Kinderarbeit ist in den reichen Ländern weniger verbreitet als in den armen. Bei uns jedoch ist es beispielsweise sehr üblich, Druck auf die Kinder auszuüben, um gute Schulleistungen zu erzwingen. Auch auf diese Weise sollen Kinder die Erwartungen der Eltern erfüllen, angeblich „damit es ihnen später gut geht“. Wer unter Druck groß wird, dem wird es später aber nicht gut gehen, weil er/sie sich selbst immer weiter unter Druck setzen wird, solange ihr/ihm die Befreiung von den elterlichen Erwartungen nicht gelingt.

„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es dir wohl ergehe und du lange lebst auf Erden.“ So habe ich das vierte Gebot gelernt und daran geglaubt, weil ich die darin versteckte Gewalt der Alten gegen die Jungen nicht gesehen habe. In Wahrheit ist es aber genau anders herum: Wenn die Eltern sich gut um ihre Kinder kümmern, entsteht die gute Basis der Verbundenheit für das ganze Leben. Warum bloß weisen die Religionen nicht auf die Verantwortung der Eltern für die Kinder hin? Warum fordern so gut wie alle Religionen die Unterwerfung der Kinder unter die Eltern? Warum wird gedroht, dass man ansonsten nicht lange lebt? All das hat mit Liebe nichts zu tun. Sondern die Kinder sollen für die Eltern da sein, vermutlich damit deren Angst vor dem Alter gebremst wird und damit sie das durch die Kinder doch noch erreichen, was sie selbst nicht geschafft haben.

Kinder werden von den Eltern ganz unterschiedlich und in unendlich vielen Formen benutzt. Der Erste als Prinz, um nur ein häufiges Beispiel zu nennen, wird in jeder Hinsicht bevorzugt bis ins Erbe hinein. Die Zweite bekommt dann die gegensätzliche Rolle zugeteilt und wird oft als Aschenputtel ausgenutzt, das den Eltern möglichst viel Arbeit abnimmt und „zum Dank“ auch noch beim Erbe betrogen wird. Kinder werden als emotionaler und manchmal auch als sexueller Partnerersatz missbraucht, wenn die Beziehung der Eltern gestört ist. Oft werden Kinder in die ungelösten Elternkonflikte hineingezogen.

Eine ganz andere Art des Missbrauchs: Vielen Kindern werden alle, aber auch alle Probleme abgenommen. Dadurch wird verhindert, dass die Kinder lernen, zugleich mit sich selbst und mit anderen gut umzugehen. Diese scheinbare Fürsorge entspringt nicht der Liebe, sondern der Angst der Eltern, die Kinder zu verlieren. Sie trauen den Kindern einfach nichts zu. Elterliche Angst stört die Entwicklung der Kinder ganz erheblich.

Eine wesentliche Quelle der Selbstunsicherheit wie auch der Aggressivität von Menschen ist die Ungleichbehandlung von Geschwistern in der Kindheit. Ich brauche nur zu hören, dass die Geschwister als Erwachsene sich nicht gut verstehen, und ich weiß mit 95% Treffsicherheit, dass sie schon in der Kindheit ungleich oder ungerecht behandelt und gegeneinander ausgespielt wurden. Keineswegs haben die Kinder, die bevorzugt wurden, es leichter im Leben. Im Gegenteil, die Prinzen und Prinzessinnen haben es meistens schwerer, weil sie nicht gefordert waren zu lernen, für sich und für andere zu sorgen. Die männlichen und weiblichen Aschenputtel haben oft viel mehr soziale Kompetenzen.

Wer die Seite der Dummheit, Angst und/oder Gemeinheit der Eltern nicht durchschaut, rennt ein Leben lang hinter den elterlichen Erwartungen her, oft sogar noch, wenn die Eltern schon tot sind. Wer dies zwar erkennt, aber noch glaubt, dass nur die eigenen Eltern oder nur der eigenen Person gegenüber sich schlimm verhalten haben, bleibt darin stecken, sich als „armes Schwein“ zu fühlen. Wenn man aber sieht, dass die Eltern ja ebenfalls in derselben Tradition gefangen waren, dass sie dasselbe Leid erleben mussten, es nicht durchschaut, sondern einfach weiter gegeben haben, dann hört das Selbstmitleid auf. Das Interesse und die Energie wird wach, diese ganze zerstörerische Denkweise von Tradition und Gehorsam gegenüber den Eltern hinter sich zu lassen, damit ein glücklicheres Leben mit einem freien Geist möglich ist.

Solange die Eltern sich gegen die Einsicht in ihre Ungerechtigkeit gegenüber den Kindern sperren, dann ist eben eine gute Beziehung zu ihnen nicht möglich. Denn ohne Einsicht in die eigene Angst und Destruktivität werden sie zwangsläufig ihre erlernte Lieblosigkeit fortführen. Doch wenn Kinder und Eltern dieses Drama gemeinsam begreifen, diese Kette der Gewalt, die in Familientraditionen ihre Wurzel haben, dann, aber auch nur dann ist trotz schlimmer Vorgeschichte sogar noch im hohen Alter ein Miteinander mit einem wirklich liebevollen Umgang in einer glücklichen Eltern-Kind-Beziehung möglich.

Kommentare:

Schreiben Sie einen Kommentar.

Bisher keine Kommentare.

18.07.2013

nach oben