Infobrief 7: Egoismus – ein verlogener Begriff

Ich kenne keinen psychologischen Begriff, der so verlogen ist wie der Begriff „Egoismus“.

Es ist ein Kampfbegriff, um Menschen zu lenken, indem man ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Hast du ihn auch schon inhaliert und kämpfst mit dir, ob du dir Egoismus erlauben oder ihn dir verbieten sollst?

Was geschieht im Gehirn, wenn der Begriff „Egoismus“ aktiviert wird? Man geht automatisch davon aus, dass die Sorge für die eigene Person und das sich Kümmern um andere zwei getrennte, gegensätzliche Impulse sind. Wir sollen uns weniger um uns selbst und mehr um die anderen kümmern. So wird es uns von allen Seiten beigebracht, von den christlichen Ideologie der Nächstenliebe genauso wie von der buddhistischen Suche nach der Ichlosigkeit und auch durch die sozialistischen/kommunistischen Ideale, dass sich das Individuum der Gemeinschaft unterzuordnen hat. Überall wird das Gemeinwohl, also das Wohl der anderen, über unser eigenes Wohlbefinden gestellt. Und dann wird uns eingeredet, dass es uns erst gut geht, wenn wir dies akzeptieren.

Das funktioniert aber nicht wirklich, kann gar nicht funktionieren, weil mein Nervensystem und mein ganzer Körper, der das Wohlbefinden erzeugt und ausdrückt, für mich da ist. Aber ich brauche und suche wie jedes Lebewesen den optimalen Stoffwechsel mit der Umwelt. Dazu muss es der Umwelt und den anderen Menschen um mich herum auch möglichst gut gehen. Also besteht doch im Kern erst einmal kein Gegensatz zwischen mir und der Gemeinschaft.

Woher kommt dann diese Vorstellung von „Egoismus“, diese Denkweise, als würde ich mit meinen Bedürfnissen gegen die Bedürfnisse der anderen stehen? Um Menschen zu steuern, damit sie funktionieren, wie andere es wollen, muss die natürliche positive Haltung gestört werden. Dafür muss der Mensch das ursprüngliche Vertrauen verlieren, dass seine Bedürfnisse und die der anderen Menschen und der Natur wunderbar harmonieren können, wie es die meisten kleinen Kinder noch erleben und wie die Naturvölker es anscheinend empfinden. Wenn man sich offen oder latent bedroht fühlt, empfinden wir eine Trennung von den anderen. Dann bekommt man Angst, und zwar nicht nur vor den anderen, sondern genauso so vor sich selbst, nämlich vor dem eigenen natürlichen Gefühlsempfinden. Diese Angst vor unseren eigenen Gefühlen wird erzeugt, wenn man durch Bestrafung und Bestechung den Glauben angenommen hat, dass man so, wie man ist, nicht in Ordnung ist, und sich schuldig fühlt, wenn andere Vorwürfe machen.

Ist man erst einmal in dieser Verwirrung und Angst gefangen, so hält der Mensch Ausschau nach einer Orientierung. Mit dem Köder eines besseren Lebens vor oder auch nach dem Tod, das als Belohnung versprochen wird, wenn er aufhört, egoistisch zu sein, kriegt man ihn an die Angel. Und wer sich darauf einlässt, zappelt hilflos in der gefühlsmäßigen Abhängigkeit von anderen. Jetzt kann man sein Verhalten steuern und oft auch an sein Geld herankommen durch die offene oder subtile Androhung, dass es ihm wieder schlecht ergeht, wenn man egoistisch ist und dem Besserwisser nicht folgt. Es wird mit der Hölle nach dem Tod gedroht, genauso wie mit der Hölle auf Erden, dass man aus dem vertrauten Kreis ausgeschlossen wird. Genau für diese Drohung wird der Vorwurf „Du bist egoistisch“ gebraucht. Da muss gar nicht viel mehr gesagt werden, weil mit diesem Begriff schon die ganze Angst vor Ausgrenzung auf Touren gerät.

Nebenbei bemerkt, diejenigen,die mit dem Egoismusvorwurf andere manipulieren wollen, haben oft genauso Angst vor diesem Vorwurf. Sind wir in dem Moment nicht ebenfalls Manipulierer, wenn wir anderen Egoismus vorwerfen?

Hast du schon einmal festgestellt, dass dir Egoismus vorgeworfen wird, damit du so funktionierst, wie der andere es möchte? Sehr schön deutlich wird dies in der Geste: Wenn jemand mit dem Finger auf andere zeigt, wie schlecht sie sind, zeigen die drei anderen Finger auf den Betreffenden zurück. Strecke mal einen Finger aus und sieh es dir an. Kannst du dir das so sehr einprägen, dass du nicht mehr über andere herziehst und dich auch nicht mehr von anderen psychisch unter Druck setzen lässt. Wenn jemand dir vorwirft, du seiest egoistisch, was ist dann deine Antwort? Vielleicht so: "Ach, ich verstehe. Du möchtest, dass ich das tue, was du willst oder was du für richtig hältst."

Wenn wir uns nicht mehr unter Druck setzen lassen, dann können wir aber auch erkennen, was hinter unserer Egoismus-Angst verborgen ist: Wir sind oft verwirrt von den eigenen unterschiedlichen Bedürfnissen und Gefühlen, besonders vom vermeintlichen Gegensatz zwischen Eigeninteresse und dem Bedürfnis nach Gemeinsamkeit mit anderen. Diese inneren Konflikte kann jeder nur für sich selbst klären. Niemand ist befugt, einem anderen Menschen zu sagen, wie er in seinem Inneren zu sein hat oder was sie zu tun hat.

Wir können in diesen schwierigen Fragen voneinander lernen, aber nicht durch Nachahmung psychologischer oder „spiritueller“ Ratschläge oder indem wir uns gegenseitig unter Druck setzen. In einer freundschaftlichen Atmosphäre des vollständigen Respekts vor den GedankenGefühlen des anderen können wir unsere unterschiedlichen Fragen, Konflikte und Probleme erörtern und vielleicht auch klären. Das setzt voraus, dass die Angst vor Egoismus sich im Nichts aufgelöst hat und wir eine klaren Kopf bei der Bewältigung der eigenen Konflikte behalten. Vielleicht fragst du dich jetzt, wo es Gleichgesinnte gibt. Vielleicht aber macht es auch „Klick“, und du begreifst, dass du bei dir beginnen und damit andere in deinem Umfeld positiv infizieren kannst für ein Andersleben ohne Schuldgefühle. Ich finde es eine grandiose lebenswerte Vorstellung, wenn unsere Dummheit, Langeweile und Aggressivität, die hinter jedem Egoismus-Vorwurf, hinter jedem Schuldgefühl lauern und diese erzeugen, vielen bewusst wird und wir uns davon in einer Kettenreaktion befreien.

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Kommentare:

Bisherige Kommentare: 2
Brono 16.10.2013
23:44:00
Hallo Wolfgang, ich bin durch Deine e-mail vom 30.9. auf Deine Seite und auf die oben stehende Veröffentlichung gestoßen.Ich finde es doch ein bisschen schade, dass Du nach unserem Gedankenaustausch bei der Abfassung Deines zweiten Buches nach wie vor von christlicher Ideologie im Zusammenhang mit dem Begriff Nächstenliebe sprichst, obwohl Dir doch bekannt ist, was es bedeutet: Du sollst den Nächsten lieben wie Dich selbst.Ist da ein großer Unterschied zu Deiner Meinung? Ich will Dir nicht den Spaß an Schnellschüssen verderben, aber sie scheinen mir doch ein recht hohes Risiko zu verbergen. Wie oft in Deinem Leben hast Du Deine Meinung schon geändert?
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Wolfgang Siegel 22.10.2013
13:39:00
Lieber Bruno, durch unsere langjährigen Gespräche habe ich begriffen, dass die Haltung eines Menschen zur Nächstenliebe und verkündete Glaubenssätze der Religionen zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Wer Nächstenliebe praktiziert und dabei mit sich im Reinen ist, hat das Problem des Egoismus tatsächlich für sich gelöst. Das sehe ich heute genauso wie in unseren früheren Gesprächen. Auf gelebte Nächstenliebe bezieht sich meine Kritik nicht.
Aber ich beschreibe andere Aspekte: Die Ideologien, d.h. bestimmte Lehren, wie der Mensch sein sollte, erzeugen automatisch den Konflikt zwischen sich und der Welt. Wenn wir anders sein sollten, als wir sind, ist der Konflikt da. Das beinhalten alle Heilslehren, wie ich in dem Infobrief beschreibe. Erst wenn wir uns nicht mehr verändern wollen, sondern verstehen wollen, worin die Trennungen zwischen mir und und den Mitmenschen bestehen, dann können wir entdecken, dass wir alle miteinander verbunden sind. Und die Tatsache, dass wir gegeneinander handeln, beruht auf dem Unverständnis von Verbundenheit und der Angst vor Sanktionen, wenn man die vorherrschenden Vorstellungen hinter sich läßt.
Und die christliche Lehre, wie auch die buddhistische oder kommunistische und andere erzeugen diese Trennungen, weil sie die Menschen unter Druck setzen, anders sein zu sollen und zwar in ihrer Richtung. Warum sagen sie nicht, dass wir alle miteinander verbunden sind und keiner besser ist oder mehr Recht hat und dass alle Trennungen nur Leid erzeugen? Weil sie sich ohne Abgrenzung gegenüber den anderen Glaubensvorstellungen, ohne Definition der eigenen Glaubenssätze selbst überflüssig machen würden. Dann sind christliche Nächstenliebe, wahre Erleuchtung oder soziale Gerechtigkeit kein Thema mehr. Dann sind wir klar im Kopf und suchen nicht Erleuchtung, dann wissen wir, dass die Liebe zum Nächsten und zu mir selbst ein und dasselbe ist und dass auch die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit überflüssig ist, sobald wir tatsächlich gemeinsam gut handeln. Das ist nicht mein Wunschtraum für irgendwann, sondern jeder kann das heute sehen und lernen, entsprechend zu leben.
So ist mein momentaner Stand, und ich hoffe, dass mein Geist so lebendig bleibt, dass ich jeden Tag bereit bin, meine Meinung zu ändern, wenn ich etwas Neues über mein Innenleben und die Welt draußen entdecke.
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05.07.2013

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