Infobrief 3: Die Verschlimmerung von Traumata durch Therapeuten und andere

Ein Kind wurde beispielsweise von seinem Vater sexuell missbraucht. Unbestritten eine absolut schlimme Erfahrung für das Kind. Doch was machen viele Helfer aus dieser Erfahrung? Sie sagen dem Kind, wie schrecklich das gewesen ist und dass es jetzt ganz arm dran ist und viel Hilfe braucht. Unausgesprochen wird meistens die Botschaft vermittelt: „Damit kannst du allein nicht fertig werden, und du bist jetzt für dein Leben gezeichnet.“ Das soll therapeutisch hilfreich sein? Früher habe ich auch so gedacht, weil ich es so gelernt habe und auch meine eigene Angst vor schrecklichen Gefühlen nicht verstanden hatte, obwohl ich auch damals schon über 25 Jahre lang psychotherapeutisch gearbeitet hatte. Erst in den vergangenen Jahre habe ich begriffen: Wir Therapeuten helfen nicht, sondern verschlimmern die Probleme traumatisierter Menschen, wenn wir sie als hilflos und vom Erlebten gezeichnet betrachten und behandeln.

Traumatisierungen entstehen nicht nur durch Missbrauch in der Kindheit, sondern können durch unendlich viele und unterschiedliche Erlebnisse in der Kindheit oder auch als Erwachsene entstehen. Beispielsweise durch eine heftige Erniedrigung vor anderen, durch eine Schock bei einem schweren Verkehrsunfall oder eine andere lebensbedrohliche Situation.

Wenn wir annehmen, dass wir traumatisiert wurden (und wer wurde das nicht in unserer Gesellschaft?), benötigen wir zur Bewältigung nicht nur das Bewusstwerden, dass wir etwas Schreckliches erlebt haben, sondern vor allem auch das Bewusstsein, dass wir eine schwere Erfahrung überlebt und offensichtlich enorme Überlebenskräfte haben. Deshalb verfügen Menschen mit besonders schweren Erlebnissen über eine besondere Stärke, aber erst, wenn sie sich dessen bewusst werden.

Das Festlegen auf ein Leben als „armes Schwein“ (was natürlich nicht so formuliert wird, aber sie werden oft so behandelt), führt auch dazu, dass wir uns ein Leben lang auch als armes Schwein fühlen mit allen katastrophalen Nebenwirkungen, die diese Untergrabung des Selbstbewusstseins mit sich bringt. Und wenn uns dann mit der Verschreibung von Psychopharmaka noch dazu erklärt wird, dass unser Gehirnstoffwechsel gestört ist, und wir diese Sicht annehmen, werden wir uns von dem Schrecken, den wir erlebt haben, nicht befreien können. Wir bleiben in Abhängigkeit von Versorgungssystemen und nehmen uns die Chance, wieder in innerer Freiheit richtig glücklich zu sein. Kein Wunder, dass die wissenschaftlichen Studien zur Behandlung von Traumatisierungen immer nur von Besserung, aber selten oder gar nicht von Heilung sprechen.

Die Meinung vieler Therapeuten, vor der Behandlung eines Traumas müssten die Betroffenen erst „stabilisiert“ werden, wie es in Behandlungsleitlinien vorgesehen ist, ist eine subtile Fortsetzung der Traumatisierung, weil den Betroffenen das Gefühl vermittelt wird, sie könnten mit dem Erlebten nicht zurecht kommen. Die unterschwellige Angst vor den eigenen Gefühlen wird noch größer.

Tatsächlich benötigen traumatisierte Menschen, wenn sie bereit sind, sich der unverarbeiteten traumatischen Erfahrung zu stellen:

1. Eine Klarheit, dass sie sich nicht mehr gegen die Erinnerungen sperren wollen. Aber auch eine Klarheit darüber, dass sie sich nicht überfordern und nichts erzwingen wollen, wenn die Gefühle im Moment, wenn sie hochkommen, übermächtig erscheinen. Die Bereitschaft, Pausen einzulegen, um das Trauma Stück für Stück anzuschauen, und nicht alles auf einmal über das Knie brechen zu wollen.

2. Eine/n Freund/in oder eine/n Therapeuten/in, die wirklich zuhören können. Die bei schlimmen Geschichten weder beschönigen noch dramatisieren müssen, sondern sie einfach mittragen, vielleicht ergänzende Fragen stellen und eigene Assoziationen ohne Drama einbringen. Die dem Traumatisierten das Gefühl geben „Ich bin nicht allein“, wenn ich mir diese schrecklichen Gefühle anschaue. Und die sagen können, jetzt machen wir erst einmal ein Pause, wenn sie merken, dass es für diesen Moment für sie selbst und für den Traumatisierten genug ist.

Unter solchen Voraussetzungen kann das Gehirn das bisher Unverstandene des Traumas selbst Schritt für Schritt einordnen und die psychische Wunde heilen. Mit der anfänglichen guten Unterstützung durch einen anderen Menschen wird zugleich die Fähigkeit verbessert, sich dem eigenen Gefühlsleben auch allein zu stellen. Das Klopfen einer traumatisierenden Situation, wenn die beiden Punkte sorgfältig eingehalten werden, kann eine große Hilfe bei der Verarbeitung sein.

Die Verarbeitung von Traumatisierungen erfordert in den meisten Fällen keine langwierigen komplizierten Therapien, sondern Klarheit und Ruhe bei der Wahrnehmung einer schlimmen Erinnerung. Erst der Widerstand dagegen und die Angst vor der Erinnerung bewirken, dass die „alte“ Geschichte nicht zur Ruhe kommt. Solche Erinnerungen bringt das Gehirn doch deshalb immer wieder hoch, damit sie endlich geklärt werden können und das heutige Leben nicht weiter belasten.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 1
Danuta 25.11.2013
22:15:00
Danke für Ihre wichtige, Mut machende Zeilen.
Ich wünschte, dass es viele traumatisierte Menschen lesen und es Ihnen klar wird, dass eine Abheilung und Integration der "Trauma-Wunden" ganz viel Gewinn mit sich bringt. Wir entdecken wieder unseren Mut, uns dem Geschehenem zu stellen im hier und jetzt mit einem liebevollem, klaren Menschen an der Seite, der es verstehen kann, der nicht dramatisiert aber auch nicht beschwichtigt, der sich entscheidet und aus freien Stücken für uns da ist, wenn wir es brauchen damit das Vertrauen wieder geweckt werden kann und in dem die Angst von damals einfach schmelzen darf, der einfach um unsere Kraft und Heilungsmöglichkeit weiß.
Wenn die Verletzung wieder geheilt ist, dann wird uns klar, was für Geschenk wir empfangen : eine tiefe Liebesfähigkeit, die mit nichts mehr zu erschüttern ist. Wir sind dann fähig aufrichtig zu lieben ohne uns von anderen abhängig zu machen. Da sind wir einfach in Liebe, befreit von der negativen Verbundenheit und können getrost weiterhin "Gutmenschen" bleiben, unseren eigenen Gefühlen vertrauend, weil wir wissen, warum die Welt uns braucht und zwar jeden einzelnen von uns.
Danke, dass ich dazu aus meiner Sicht und Erfahrung an dieser Stelle etwas beitragen durfte. "Heilung ist für jeden da"
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10.10.2013

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