Infobrief 26: Nie wieder Ärger Teil 3 Ärger über Feindseligkeit

Im letzten Infobrief ging es um die Auflösung solcher Konflikte, bei denen eine im Grunde positive Grundeinstellung zueinander vorliegt und die die Beteiligten „eigentlich“ gar nicht haben wollen und die ihnen letztendlich irgendwann Leid tun.
Es gibt jedoch Menschen, die wollen, dass andere Schaden nehmen, um dadurch selbst einen Vorteil zu erlangen. Jeder kann selbst auf die Schiene geraten, absichtlich andere materiell oder psychisch auszunutzen und dabei die Benachteiligung anderer in Kauf zu nehmen oder deren Schaden sogar zu genießen. Wie können wir uns verhalten, wenn wir Ärger und Wut bis hin zur Verzweiflung verspüren, weil wir mit dem bewussten Ausnutzen und Unterdrücken der eigenen oder einer anderen Person konfrontiert sind? 
Das heftige Gefühl, das entsteht, wenn man Ungerechtigkeit und Gemeinheit erlebt, ist Energie. Sie wird uns von unserem natürlichen sozialen Gespür zur Verfügung gestellt, damit wir dies nicht einfach hinnehmen. Ich habe inzwischen aufgehört, dieser Energie einen Namen wie Wut, Ärger, Verzweiflung zu geben. Denn mit jedem dieser Begriffe sind ganz automatisch ablaufende konditionierte Prozesse in meinem Gehirn verbunden. Wenn ich einer Feindseligkeit gegenüber stehe, brauche ich aber nicht automatische, gewissermaßen blind ablaufende Reaktionen. Ruhe und Klarheit ist verlangt, damit meine Klugheit arbeiten kann. Ich werde „eiskalt“. Aber nicht die Kälte der Gnadenlosigkeit, sondern ich benötige den kühlen Kopf, der meine emotionalen Regungen wahrnimmt, sich aber nicht davon treiben lässt.
Ich habe keinen Zweifel mehr daran: Wer  feindselig ist, ist mit sich selbst nicht im Reinen. Er trägt seine innere Spannung nach außen. Jeder kann in einer besonderen Situation in diesen Zustand geraten. Es kann aber mehr oder weniger auch ein Dauerzustand sein, wie es vielleicht bei einem skrupellosen Großbanker oder einem aggressiven „Penner“ der Fall ist.
Wenn ich mit meiner eigenen Aggressivität vertraut bin, dann erkenne ich auch die psychische Not im Inneren eines Aggressiven, und zwar auch dann, wenn dieser das selbst gar nicht wahrhaben will. In diesem Moment findet mein guter Klärungsprozess wie selbstverständlich ganz von allein statt:
Der offen oder hinterhältig Aggressive kann mich psychisch nicht mehr kleinmachen. Ich sehe seine Minderwertigkeitsgefühle als Ursache der Aggression. Diese will ich nicht noch verstärken. Deshalb gehe ich mit ihm ruhig um. Damit nehme ich ihm schon einmal ein en tscheidendes Machtmittel. Viele Aggressionen sind nur dadurch erfolgreich für den Aggressor, weil er seine tatsächlichen Motive hinter Psychoterror versteckt und der Angegriffene auf den Psychoterror reagiert, und den sachlichen Angriff vor lauter Empörung aus den Augen verliert. Wenn ich da nicht mehr darauf hineinfalle, weil ich den psychischen Mechanismus verstehe, dann finde ich gegenüber der sachlichen Bedrohung die bestmögliche Antwort.
Nehmen wir an, du wirst wirklich gemobbt. Das wird systematisch in deinem Betrieb organisiert, um dich zu vertreiben, vielleicht sogar um eine Kündigung zu umgehen und dir keine Abfindung zahlen zu müssen. Wenn du psychisch die Aggression bei dem oder den anderen lässt, wird Mobbing dich nicht mehr fertig oder gar psychisch krank machen. Natürlich bleibt deine Lage im Betrieb schwierig. Doch du wirst aus deiner Ruhe heraus die für dich klügste Antwort finden, weil die Aggressoren keine Selbstzweifel mehr in dir säen können.
Wenn wir die Gesellschaft einmal wie eine Person begreifen, weil wir alle zusammenhängen, dann stelle ich fest, dass wir alle voll Spannungen sind. Wir lassen sie als Gesellschaft gegen unsere Mitglieder und die Umwelt aggressiv ab. Wenn es uns trifft, hilft auch nicht eine „Gegenaggressivität“, die auch uns selbst nur wieder blind macht. Angesichts enormer Aggressionen müssen wir zuerst die eigene innere Ordnung herstellen, um gut und klug handeln zu können. Die Ordnung entsteht durch genaues Hinschauen und Beobachten, was wirklich geschieht, wenn diese Energie uns berührt, die wir Ärger, Wut oder auch Enttäuschung nennen.
Wir können nicht vorhersagen, wann eine Person oder gesellschaftliche Gruppe begreifen wird, was sie in ihrer Aggressivität wirklich tut. Denn das Begreifen kann ich ihnen nicht abnehmen. Mein „Job“ ist es, einerseits mich zu schützen vor der Aggressivität. Aber andererseits versuche ich auch, die Türen für jeden, auch für aggressive Menschen offen zu lassen. So bleibt ihnen die Chance, zu begreifen, was sie tun.
„Schließe niemals eine Tür, du sperrst dich nur selbst ein.“ (sinngemäß nach Jiddu Krishnamurti)

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09.01.2014

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