Infobrief 25 Nie wieder Ärger Teil 2 - Ärger unter Freunden

Es gibt ein Spiel, bei dem man Eisenbahnstrecken bauen muss. Jeder findet seinen Weg auf der Karte. Wenn man Pech hat, schnappt sich ein Mitspieler genau die Strecke, die man selbst braucht. Dann muss man einen Umweg nehmen. Das gehört zum Spiel. Wenn aber ein Spieler eine Strecke verbaut, die er gar nicht für sich benötigt, sondern um anderen den Weg zu verbauen, dann gibt es Ärger.  Eine Spielfreundin erlebt dies als überflüssige Aggressivität. Sie sagt: „Deine Aggressivität nimmt mir die Freude am Spiel.“ Jetzt beschreibe ich das Entscheidende im Umgang mit Ärger unter Freunden.

Variante 1, wie wir üblicherweise reagieren: Die Aggressivität des einen Spielers ist auf die andere übergesprungen und drückt sich in einer deutlichen Ärgerreaktion aus. Der aggressive Spieler verteidigt sich oder entschuldigt sich, um sie zu besänftigen. Er setzt sich aber nicht mit seiner eigenen Aggressivität auseinander, sondern reagiert nur auf ihre Kritik. Beim nächsten Spiel wird er womöglich genauso handeln, weil er nichts über seine eigene Aggressivität begriffen hat. Das Ganze kann auch zu einem weitergehenden Streit eskalieren.

Variante 2 im Andersleben: Die Aussage „Deine Aggressivität nimmt mir die Freude am Spiel“, wird mit Gelassenheit unterlegt. Die Gelassenheit drückt aus: „Ich stelle eine Aggressivität bei dir fest. Aber das ist dein Problem. Ich mache dir deshalb keine Vorwürfe.“ Nicht die Formulierung von Worten ist entscheidend, sondern das Gefühl, das dabei vermittelt wird. Das ist die Weisheit des Satzes „Der Ton macht die Musik.“ Es muss allerdings wirklich so empfunden werden. Echte Gelassenheit fordert keinen Widerstand heraus. Jetzt muss der Freund sich mit der eigenen Aggressivität auseinander setzen. Wenn er dabei einsieht, dass er mit seiner Spielweise den Spaß des Spiels verdirbt, wird er nachdenklich und kann vielleicht sagen: „Ok, du hast recht.“ Er hat etwas von seiner eigenen Aggressivität verstanden, weil er sich gegenüber der Gelassenheit nicht mehr mit Rechtfertigung reagiert hat. Entschuldigungen und Rechtfertigungen sind überflüssig.

Er kann aber auch erst recht noch aggressiver werden, weil er es nicht aushält, dass seine Aggression keine Resonanz bei anderen findet. Viele ertragen die Gelassenheit anderer nicht, weil sie ihre Aggressionen nicht mehr loswerden. Denn die eigenen Aggressionen sind immer Ausdruck eigener unbewältigter innerer Konflikte. Wer sich mit sich selbst nicht auseinandersetzt, ist seinen negativen Energien ausgeliefert. Dann erzeugt unser Nervensystem eine der beiden Antworten: Wir lassen sie gegen andere „raus“ oder richten sie gegen uns selbst. Im letzten Fall führen sie direkt in Depressionen und körperliche Beschwerden.

Angenommen er wählt die erste Antwort und reagiert auf die Gelassenheit von ihr noch aggressiver. Das geschieht häufiger, weil viele Menschen sich selbst nicht aushalten, nicht in sich hineinlauschen können, um ihre inneren Widersprüche selbst aufzulösen. Die Gelassene kennt diesen Mechanismus von sich selbst, sonst hätte sie nicht die Gelassenheit entdeckt. Also kann der Aggressive aufdrehen, wie er will, er erzielt keine Wirkung mehr bei ihr. Irgendwann hält er das nicht mehr aus, und wird entweder doch nachdenklich über sich selbst oder er trennt sich vorübergehend oder auf Dauer von ihr.

„Wo nehme ich bloß die Gelassenheit her?“ Das mag sich jetzt ein Leser fragen, der mit seiner Ärgerei aufräumen will. In allen meinen Infobriefen ist davon etwas enthalten. Nur soviel in Infobriefkürze: Gelassenheit entsteht nicht dadurch, dass wir sie wollen. Gelassenheit ist von ganz allein da, wenn ich weiß und es in mir direkt beobachte, wie mein Festhalten an meinen Vorstellungen, obwohl die Realität anders ist, und mein Druck auf andere Personen und meine negativen Emotionen, die ich nicht in mir selbst kläre, mich unzufrieden, unglücklich und krank machen und gute Beziehungen stören. Dann höre ich damit wie selbstverständlich auf und Gelassenheit ist da. Aber ich muss mich um meine Selbsterkenntnis wirklich kümmern und nicht nur darüber reden.

Ärger bei Feindseligkeit wird im nächsten Infobrief behandelt.

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22.12.2013

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