Infobrief 23: Konkurrenz tötet

„Der Kapitalismus tötet“, sagt Papst Franziskus in seiner neuesten Botschaft. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde „das System“ nicht mehr so heftig „von höchster Stelle“ kritisiert. Sofort wurde eine Sondersendung im Fernsehen aufgelegt mit Befürwortern und Gegnern dieser Aussage. Die hoffnungsfrohe Zustimmung der einen zur Kapitalismuskritik und die abgrundtiefe Empörung der anderen über die Verurteilung unseres Wirtschaftssystems ergeben zusammen einen eifrigen Wettstreit um Moral und Ideale.

Am Anfang stand in der Sendung die Empörung über die Millionen von Menschen, die vorzeitig und grausam getötet werden, durch Waffen, durch vergiftete Umwelt und durch Hunger, erzeugt durch die Gier nach immer mehr Reichtum. Das gefiel mir. Aber rasch betranken sich die Diskutanten am ideologischen Streit über den Kapitalismus. Weder der Kapitalismus, noch die falschen Ideale töten. Menschen sind es, die andere Menschen töten und Lebensgrundlagen zerstören.

Die Ursache soll „im System“ liegen, sagen die einen. Doch wir Menschen handeln und gestalten alle das System, getrieben von der Angst vor der Zukunft, von der Angst voreinander sowie von unserer Gier nach Mehr, mit der wir unsere Ängste dämpfen wollen. „Konkurrenz entspricht der menschlichen Natur“, behauptet die Gegenseite. Vermutlich ist das wahr, aber wird das ewig so bleiben? Nichts davon in der weiteren Diskussion. Schlagabtausch, Grabenkämpfe, Selbstdarstellung, Rechthabenwollen. Die AngstGier, die uns in die Konkurrenz treibt und das Leid erzeugt, kommt nicht ans Licht. Bald habe ich den Fernseher ausgeschaltet.

AngstGier ist in uns allen vorhanden und reicht in ihren Wurzeln bis in unsere tierische Vergangenheit. Doch seit den Anfängen der Menschheit zeigt sich in der Entwicklung unserer technologischen Fähigkeiten die universelle Verbundenheit: Gemeinsam produzieren wir die enormen Reichtümer. Das könnte segensreich sein. Doch der Reichtum wird weiterhin nach den Steinzeitregeln des persönlichen Vorteils genutzt. Diese längst hinfällige Lebensart - enorme gemeinsame Produktion, jedoch letztlich für den persönlichen Vorteil - macht Landstriche unfruchtbar, verändert das Klima, erzeugt Leid.

Nicht der Kapitalismus tötet, sondern die Konkurrenz unter den Menschen, getrieben von unseren Ängsten.* Sie ist in uns allen tief verwurzelt. Aggressivität gegen andere Auffassungen, das Gegeneinander mit all den Auswirkungen – ich habe noch keinen Menschen getroffen, der davon frei ist, mich natürlich eingeschlossen.

Ich bekenne mich dazu, dass wir dringend eine ganz andere gesellschaftliche Organisation als den Kapitalismus brauchen, um die weitweiten Probleme wirklich zu lösen. Aber niemand weiß, wie eine neue Gesellschaft aussehen sollte. Weltanschauungen oder Entwürfe von einem neuen Menschen haben die Welt nicht verändert. Es sind kindische Wunschvorstellungen, die meist im Krieg gegeneinander enden. Nicht bei dem Äußeren, dem „System“, sind tiefgreifende Änderungen möglich. Unsere inneren Prozesse entscheiden, was wir nach außen tragen. Jeder kann sein Steinzeitbewusstsein erkennen, die Störungen der Verbundenheit wahrnehmen und sich aus den Konkurrenzstrukturen im eigenen Denken und Fühlen befreien. Das können nicht andere für mich tun. In mir selbst und ganz nah mit den Menschen um mich herum beginnt die gesellschaftliche Revolution des Kapitalismus, die Entdeckungsreise im neuen Land Andersleben.

* Ich unterscheide die Konkurrenz, die auf Unterwerfung oder Vernichtung des Konkurrenten zielt, von einem Wettbewerb, an dem sich alle gemeinsam erfreuen können.    

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26.11.2013

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