Infobrief 1: „Gequirlte Scheiße“

Andreas Altmann gibt in seinem Buch „Dies beschissen schöne Leben“ den Kommentar eines Vertreters vom Diogenes Verlag wieder, der die Bücher von Paolo Coelho herausgibt. Dessen Bücher seien von dem Vertreter als „gequirlte Scheiße“ bezeichnet worden. So weit so gut oder auch nicht – je nach Geschmack und Kenntnis.

Und dann geht die Diskussion los, ob man so ein Urteil abgeben oder verbreiten darf. Wir werden tagtäglich, ach was sage ich, stündlich, jede Minute überschüttet mit „gequirlter Scheiße“(gqS), mit Bildern, Texten und Kommentaren, mit denen wir für dumm verkauft werden. Jeder, absolut jeder Mensch, der Lesen gelernt hat und denken kann, wird dem zustimmen. Manchmal produzieren wir gqS auch selbst, absichtlich und unabsichtlich. Das Problem ist, der eine findet die Sprüche von der Kirchenkanzel für Verdummung, der andere die Propaganda der Grünen Partei, die dritten die Werbung, die uns zum Müllshoppen (Andreas Altmann) verführen will. Und so zerstreiten wir uns darüber, was nun gqS ist oder ob es nicht doch "Spitze" ist. Und dann gibt es noch jene Menschen mit der „richtigen“, weil braven Lösung: „Jeder darf ja seine Meinung sagen, aber es muss „vernünftig“ gesagt werden, ohne den anderen abzuwerten, und nicht mit so hässlichen Worten.“

Wenn wir nur über die Wortwahl streiten, dann fällt der Inhalt einer Aussage sang- und klanglos hinten runter. Ob jemand mit deftigen Worten wie „gequirlte Scheiße“ oder mit wohlabgewogenen, niemanden verletzenden (und vielleicht auch niemand berührenden) Worten spricht oder schreibt, sagt nichts über die Stimmigkeit oder Notwendigkeit dieser Aussage aus. Denn das muss der Leser oder Hörer sowieso selbst für sich klären. Das kann man mit noch so deftigen Worten oder mit klugem Feinsinn nicht erzwingen. Und sagt nicht der Stil einer Darstellung etwas darüber aus, auf welch emotionale Weise das Thema in dem Menschen arbeitet, der da das Öl ins Feuer gießt oder der da mit dem Öl die Wogen glätten will? Sichtbar werdende Emotionen erzeugen immer eine Wirkung beim Zuhörer, ob sie aus einer ehrlichen Betroffenheit kommen oder nur Taktik der Manipulation wie beispielsweise in der Werbung oder in der Politik sind.

Jeder muss für sich selbst entscheiden, mit welcher Emotionalität er sich anderen Menschen zeigt und in welcher Weise er sich von den emotionalen Ergüssen anderer berühren lässt. Aber der Versuch vorzuschreiben, welche Emotionalität zulässig ist, tötet die Lebendigkeit im Miteinander und damit zugleich die Auseinandersetzung mit den Inhalten. Und in welchen Situationen ich deutlich und krass oder lieber wortgewandt sensibel reagiere, entscheidet meine Intelligenz von Fall zu Fall, immer wieder neu. Das lasse ich mir von niemandem vorschreiben. Die Konsequenzen trage ich auch selbst.

Manchmal bekommt jemand für seine hochkochenden negativen Emotionen womöglich kräftig eins auf den Deckel, und zwar von denjenigen, die selbst schon so viel auf die Mütze bekommen haben, dass sie auch bei der größten gqS immer noch freundlich bleiben wollen und dabei gar nicht merken, dass sie es selbst schon längst nicht mehr sind. Wenn jemand wirklich sanft ist und gqS nicht in den Mund nehmen mag, das ist doch ok. Doch wer dies nur als moralischen Anspruch an andere stellt und an seiner eigenen unterdrückten Wut womöglich krank wird, sollte vielleicht noch einmal neu darüber nachdenken.

Freundlichkeit aus dem Herzen, wunderbar!!! Freundlich sein müssen - nicht mit mir, Schafe gibt es genug. 

Im Übrigen haben die Heftigkeit von Andreas Altmann in seinen Büchern sowie die Reaktion von Freunden darauf mir die Augen geöffnet, nicht nur in Sachen Paolo Coelho. Ich habe auch meine eigene Angst erkannt, gqS, wenn sie mir über den Weg läuft - selbst produziert oder auch von andern - als das zu benennen, was sie ist, nämlich gequirlte Scheiße.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 1
Hermann Baltes 30.09.2013
08:55:00
So ist es!

Danke Wolfgang.

Hermann
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23.4.2013

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