Infobrief 17:„Wann geht es mir endlich gut?“

Der Satz bezieht sich ausdrücklich nicht auf körperliche Genesung, was eine etwas andere Sache ist.

Diese Hoffnung auf psychische Besserung ist eine Sackgasse, nein schlimmer, es ist eine Katastrophe. Darauf möchte ich in diesem Infobrief aufmerksam machen.

Viele Menschen warten ihr Leben lang darauf, dass es ihnen irgendwann endlich gut geht. Und auf dem Sterbebett stellen sie fest, dass sie nicht richtig gelebt haben. Die australische Krankenschwester Bronnie Ware, die in der Palliativpflege gearbeitet hat, hat Menschen auf dem Sterbebett nach den fünf häufigsten unerfüllbaren Wünschen an die Vergangenheit gefragt: Platz 1: „Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, ein Leben getreu mir selbst zu führen – anstatt eines, das andere von mir erwarten.“ *

Wir haben nichts anderes als die Gegenwart. So wie wir in diesem Moment leben, genau so ist unser Leben. Entweder wir spüren, dass es sinnvoll ist, was wir gerade machen und wie wir leben. Darüber brauchen wir uns keine Gedanken machen. Oder wir empfinden, dass jetzt irgendetwas nicht in Ordnung ist mit uns selbst oder in der Art, wie uns die äußere Welt und andere Menschen querkommen. Wie oft verdrängen wir diese Unordnung, weil die damit verbundenen Gefühle uns unangenehm sind!

Und was ist der beliebteste Verdrängungsmechanismus? Das Hoffen auf bessere Zeiten. Schau dir die Werbung an, die Zukunftspläne der Politik, die Versprechungen von Religionen für die Zeit nach dem Tod, und dein persönliches Hoffen darauf, dass dein Leben später irgendwann besser wird. Mit dem Gefühl der Hoffnung auf eine bessere Zukunft wollen wir die Unordnung, auf die uns unser wunderbares Nervensystem gerade aufmerksam gemacht hat, schnell wegmachen. Danach stürzen wir uns in irgendwelche Aktivitäten oder Gedanken.

Im Zustand der Verdrängung und Ablenkung können wir nicht voll Liebe zum Leben handeln. Wir laufen nur vor unserer Angst vor den unangenehmen Gefühlen davon. Wir leben nicht richtig. Denn unser Nervensystem oder „der liebe Gott“ will, dass wir so leben, dass es uns und unserer Umgebung gut geht. Das ist nur möglich, wenn wir uns den Herausforderungen stellen, die unser Leben mit sich bringt. Genau dies tun wir beim Verdrängen nicht. So wird dieser Moment, in dem wir unsere Gefühle wegdrücken, in uns als eine verlorene Lebenszeit abgespeichert. Irgendwann wird uns das so bewusst, dass wir es nicht mehr verdrängen können. Wäre das nicht schön, wenn es etwas eher geschieht als auf dem Sterbebett? Aber nicht erst irgendwann, sondern jetzt. Platz 3 belegt die Aussage: „Ich wünschte, ich hätte den Mut aufgebracht, meine Gefühle zu zeigen.“ Und Gefühle sind immer im Jetzt.

Mit der Verdrängung geht einher, dass wir irgendwie bedrückt oder energielos sind, oder wir hadern mit der Außenwelt oder mit den Menschen, die uns gerade über den Weg laufen. Das Verdrängte kommt sowieso immer wieder hoch und belastet uns dauerhaft, falls wir es immer wieder unterdrücken. Wenn das sich häuft, werden wir depressiv oder aggressiv oder bekommen psychosomatische Beschwerden, weil diese Flucht vor den eigenen Gefühlen nicht schadlos auszuhalten ist.

Unsere innere Unordnung hat viele Gesichter. Die Beziehung zu unserem Körper, zu den Familienangehörigen, zur Arbeit, zur Nachbarschaft und zur ganzen Gesellschaft kann „gestört“ werden und Unordnung im Denkapparat verursachen. Störung heißt nur, dass das Gewohnte nicht weiter geht, und die Herausforderung zur Neuorientierung da ist.

In dieser Situation klammern sich viele Menschen an den „Baustellenirrtum“. Es ist üblich geworden, psychische Probleme als Baustellen zu bezeichnen, an denen man noch arbeitet. Es gibt im Gefühlsleben keine Baustellen, deren Natur es ja ist, irgendwann „fertig“ zu sein. Unser Gefühlsleben mit seinen biologisch-vererbten, den historischen und familiären Wurzeln, der körperlichen Verfassung und den aktuellen Herausforderungen vom Wetter bis zum Chef ist wie ein Ozean. Alle Wassertropfen sind miteinander verbunden und in dauernder Veränderung. Das komplexe Geflecht unserer Nervenzellen im Gehirn spiegelt diese totale Verknüpfung wieder. Wassertropfen genauso wie psychische Probleme werden wir niemals alle einzeln unter unsere Kontrolle bekommen. Aber wir können lernen, darin zu schwimmen. Alles, was in einem Moment auf uns zukommt, will bewältigt werden, egal ob die Welle groß ist oder das Wasser ruhig. Und wer glaubt, er könne sich erst um eine Baustelle kümmern (z.B. was hat meine Mama mir angetan) kann schon im nächsten Moment an seiner Geldgier oder der nicht verstandenen Angst um den Körper ertrinken. Wenn du das begreifst und vor deinen Gefühlen nicht flüchtet, gibst du alle Hoffnungen auf, und auf einmal ist Zuversicht da, alle Herausforderungen bis zu unserem Tod bewältigen zu können und die Offenheit für das Unbekannte danach. Dann kann das Glücklichsein, das es nur in der Gegenwärtigkeit gibt, dich berühren.

*Aus dem Deutschen Ärzteblatt – PP – Heft 2, Februar 2012.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 1
Eman 18.10.2013
15:25:00
Nun, welches meine letzten Gedanken auf'm Sterbebett sein mögen, das ist mir ehrlich gesagt egal, denn: dann ist's eh zu spät. Aber wenn das Leben zu schwer wird, sage ich mir: "Ich will dass es mir gut geht, und zwar sofort!" Das hilft schonmal, um den Augenblick auszuhalten.
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17.10.2013

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