Infobrief 15: Der Sinn des Lebens: Gutes in die Welt bringen? Über Gutmenschen, Dummköpfe und Schlaumeier

Immer häufiger werfen meine Patienten in der Psychotherapie die Frage auf, welchen Sinn es eigentlich habe, sich weiter im Leben zu bemühen. Es sind keine Selbstmordgedanken dahinter. Es kommt auch nicht aus einer Verzweiflung über das persönliche Leben. Sondern die Suche nach einem tieferen Sinn im Leben stellt sich für viele Menschen, die keine Perspektive mehr sehen angesichts der katastrophalen Zustände und anscheinend aussichtslosen Perspektiven in der Welt und angesichts der zunehmenden Rücksichtslosigkeit und Feindseligkeit unter den Menschen.

Nachdem jetzt zwei Personen hintereinander mir diesen bedrückenden Zustand geschildert haben, finde ich es an der Zeit, klar zu benennen, was ich für mich herausgefunden habe. Die Antwort ist sehr einfach: Unsere Aufgabe ist es, Gutes in die Welt zu bringen. Und woher weiß ich das? Das ist ebenfalls sehr einfach: Weil es uns selbst damit gut geht. So ist unser Nervensystem aufgebaut. Wenn wir einen guten Stoffwechsel mit der Umwelt haben, dann tut es uns und der Umwelt und den anderen Menschen zugleich gut. Jeder Mensch spürt doch, wenn er nicht blockiert und vernagelt ist, am eigenen Leib und in seinem Herzen, dass positive Verbundenheit gut tut, gesund ist und glücklich macht.

Schon wieder so ein Gutmensch“, so denken inzwischen viele Menschen. Denn viele halten die Gutmenschen für Dummköpfe und machen sich über sie lustig. Sie selbst halten sich natürlich für clever und nutzen diese Gutmenschen rücksichtslos zum eigenen materiellen Vorteil aus. Gutgläubige Gutmenschen, die sich vieles einreden lassen, kann man vielleicht zu Recht als Dummköpfe bezeichnen.

Aber fragen wir erst einmal: Was ist eigentlich „gut“? Wir können uns natürlich darüber zerstreiten, ob es beispielsweise besser sei, sich für soziale oder für ökologische Belange einzusetzen, ob wir uns mehr für uns selbst als für andere einsetzen sollten usw.. Was geschieht, wenn ich diese Fragen nicht mehr nach dem Prinzip „richtig und falsch“ diskutiere? Wonach werde ich dann handeln? Ich weiß, dass jeder Mensch sowieso das tut, wonach ihm gerade im Moment seines Handelns zumute ist? Ich verlasse mich ganz bewusst auf mein eigenes Empfinden. Mein Empfinden schließt ganzheitlich alles ein: mein Wissen, meine Wahrnehmung der Außenwelt, meine Erfahrungen und auch meine Probleme, meine Gefühle, Gewohnheiten und die Reaktionen meines Körpers.

Ich verlasse mich auf mich selbst und nicht mehr auf das, was von mir erwartet wird.

Und auf einmal will ich auch nicht mehr andere Menschen verändern. Jeder Streit hört auf, und alle, die dies erkennen, werden fähig, wirklich einander zuzuhören, voneinander zu lernen. Wir wollen uns nicht mehr gegenseitig dominieren. Diese Art neuer Gemeinsamkeit im Andersleben ist gut, heilsam und fröhlich. Dabei entdecken wir unsere eigenen Schattenseiten und damit auch, wie wir Gutes in die Welt bringen.

Ihr lieben Schlaumeier, die Ihr Euch an den Dummköpfen von Gutmenschen erfreut und sie prima ausnutzt, es wird für Euch schwer werden, wenn wir, die Gutes in die Welt bringen wollen, Euch nicht mehr unterstützen. Denn zum Andersleben gehört auch, dass wir unsere Güte nicht mehr ausnutzen lassen und Euch damit füttern. Ihr seid, wie alle anderen Menschen auch darauf angewiesen, in Verbundenheit zu leben. Und Eure negative Verbundenheit, die vom Schmarotzen lebt, ist dann nicht mehr lebensfähig, wenn Ihr keine Opfer mehr findet. Ich wünsche Euch, dass Ihr das möglichst früh begreift und mit uns lernt, intelligent, d.h. voll Liebe zusammen zu leben.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 11
Ilei 30.09.2013
10:39:00
Schalom Wolfgang,

das Leben ist ein Geschenk was wir bekommen haben und fuer dieses Geschenck sollen wir zurueck bezahlen, bzw. was zurueckschencken um den gleich Gewicht zu behalten.
Schalom auf meiner Mutter Sprache bedeutet Frieden und das Wort kommt aus dem Wurzel bezahlen. Nur schuldenfreie Menschen koennen friedlich leben.
Ich denke wir sollen uns auf unsere innere Stimme und Uhr zuhoeren. Die innere Stimme sagt uns welche Schritte fuer uns richtig sind und welche falsch.
Vielen Dank fuer das Artikel.
Alles Gute,
Ilei
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Wolfgang Siegel 30.09.2013
23:23:00
Lieber Ilei,
"Nur schuldenfreie Menschen koennen friedlich leben." Dieser Satz gefällt mir sehr, hat mich aber auch nachdenklich gemacht. Ich meine, wir müssen uns von diesem Geben-Nehmen-Gleichgewicht-Denken verabschieden. Solange wir einen Ausgleich von Geben und Nehmen suchen, wird es immer Ungleichgewichte, also Schulden geben. Ich kann doch einfach das nehmen, was mir gegeben wird, und das geben, was ich von Herzen gebe, ohne eines mit dem anderen aufzurechnen. Und beides sagt mir die innere Stimme, wenn ich lerne, ihr in der ganzen Tiefe zu lauschen, worauf Sie zu Recht hinweisen. Dann gibt es weder Schuld noch Schulden.
Lieber Herr Mihatsch,
ob dieser Sinn des Lebens die Oberhand gewinnt, hängt doch von jedem selbst ab. Darüber entscheiden nicht andere. Und wir, die wir dies wollen, können uns zusammentun, dann entsteht eine enorme ausstrahlende Kraft. Wir tun es aber nicht, um andere zu beeindrucken, sondern für uns selbst und aus uns selbst heraus, die wir den Sinn erkannt haben. Die Wirkung nach außen liegt nicht mehr in unserer Hand.
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Karotte 01.10.2013
11:24:00
Schoen gesagt Ilei!
Dazu eine techniche Bitte an den Betreiber dieser Seiten: Ich vermisse das einfache aber gute like/dislike Knopf! Also nicht facebook oder so, einfach nur zwei Zaehler fuer toll/doof !!
Gruss an alle
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Joachim Mihatsch 30.09.2013
13:01:00
kann ich in vielen Passagen nur unterstreichen, - es gibt nichts befriedigenderes, als einem Menschen zu helfen oder anderes Gutes zu tuen. Und dabei geht es hauptsächlich um das aktive tun, (nicht ums Geldverteilen). Der Nachbarin beim Umzug helfen oder dem Gestürzten am Straßenrand hochzuhelfen, das ist mehr "Sinn des Lebens", als andere abzuzocken und Geld zu machen, - ein gutes Auskommen ist dennoch hilfreich.

In wieweit dieser (unser) Sinn des Lebens tatsächlich die Oberhand gewinnt, das stelle ich allerdings in Frage, im Moment habe ich das Gefühl, dass eher das Bankers-Denken Oberwasser hat.
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Ilei 30.09.2013
14:41:00
Hallo Herr Mihatsch,

haben Sie Ihr Kommentar im Bezug auf mein Text geschrieben? Falls JA, mir ist es wichtig zu sagen, dass ich nicht nur und im Vordergrund von finanziellen Schulden spreche sondern von BALANCE zwischen nehmen und geben . Es tut sehr gut zu helfen weil in der Aktion meine Kraefte zum Ausdruck kommen koennen und weil ich meine Geschwister was geben kann, genau wie sie mir gestern was gegeben haben und morgen geben werden.
Ich habe auch die Interesse, dass es anderen gut gehen wird. Das Universum ist eines. Menschen, denen gut geht, die bei sich sind, starhlen positive und starke Energie aus und das hilft uns allen.
Aber, HELFEN und mich mit dem Leben und Problemen von Anderen zu befassen KANN auch eine gefaehrliche Ablenkung von mir selber sein.
Viele Gruesse,
Ilei
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Joachim Mihatsch 30.09.2013
16:20:00
Hallo Ilei,
Ich hatte mir meinem Kommentar Herrn Siegel ansprechen wollen, - aber auch ihre Antwort an mich, insbesondere der letzte Teil, hat viel Wahres.
Joachim
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Wolfgang Siegel 30.09.2013
23:31:00
Lieber Ilei,
das ist wichtig, dass wir beim Helfen uns Klarheit über unsere Motive verschaffen, wie du sagst. Psychisch können wir niemandem seine Probleme abnehmen. Die muss jeder selbst lösen. Wir können als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Wer die psychischen Probleme anderer lösen will, läuft nur vor sich selbst weg. Mit dieser Unterscheidung kann man ungesunde "Hilfe" gut erkennen, soweit ich es sehe.
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Ilei 05.10.2013
15:58:00
Lieber Wolfgang,

ich moechte zu der Frage "Was der Sinn des Lebens ist." was schreiben:
Wenn wir den Sinn des Lebens suchen, werden wir ihn wahrscheinlich nicht finden Der Sinn des Lebens zeigt sich vom allein, er ist schon da.Ihn draussen zu suchen macht uns blind und schwach.
Die Quelle usere Engergie ist drinnen und unsere erste Beziehung ist zwischen der Schoepfung und uns (Wie in den 10 gebote steht).
Leider die meistens von uns fuehren bis zu ihren Tot ein Art vom Leben, was durch Abnabellungsprozess nicht gegangen ist. Was meine ich?
Als keline Kinder glauben wir unsere Eltern 100%. Ohne unsere Eltern keonnen wir nicht ueberleben, deswegen gehen wir in ihnen verloren (We get lost in them :-) ) . Diese Abhaengigkeit fuehren wir weiter im Leben auch als Erwachsene Personen, es sei denn wir so eine starke Krise erleben, die uns zwingt uns selber kennenzulernen und dazu gehoert auch unsere Beziehungen zu unseren Eltern, bzw. die Praegungen, die wir von ihnen uebernommen haben.
Ich bin kein religioeser Judeund definiere mich ueberhaupt nicht als Jude sondern als Mensch, aber ich liebe die Weisheit, die ich in den alten juedischen Schrifften finden kann: Die zen Gebote definieren die Hyrarchie der Beziehungen.
ERST: die Beizehung zwischen der Schoepfung und mir. Ich bin ein Teil der Schoepfung. Jeder von uns ist ein Teil der Schoepfung. Um uns zu verstehen sollen wir die Schoepfung verstehen. Es gibt kein Unterschied zwischen den beiden.
Der zweite Gebot ist was ich aus der Schoepfung mache. Ich soll mir kein Bild und Statue machen. Der Gebot sagt nicht, dass ih kein Bild uns Statue machen darf sondern zu MIR selber. Ich soll nicht in selbst Images leben.
Der dritter Gebot sagt uns die Realitaet (Gott und Existenz auf Hebraeisch sind sehr aehnliche Woerter). soll durch Luegen nicht manipuliert werden.
Der vierte Gebot sagt uns: Wir sollen den siebten Tag als heilig behalten. Warum??? eine Bewegung kann in sechs Richtungen erfolgen: nach Vorne, nach Hinten, nach Links, nach Rechts, nach Oben und nach Hinten. Am siebten Tag bewegen wir uns nicht und wir lernen dass Leben=die unterschiedlichen Arten der Bewegungen. Am Samstag lern man sehr viel. Das Suchen ist die unterschiedlichen Bewegungen. Das Beobachten/Lernen ist das heilige. Das ist der Sinn des Lebens, die Bewegungen und das Beobachten.
Und dann kommt der fuenfte Gebot: Die Beziehung zwischen den Eltern und den Kindern. Nimmt deine Eltern ernst sagt der Gebot. Um dich zu verstehen, muss du deine Eltern kennenlernen.
Die anderen fuenf Gebote befassen sich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen...............so lieber Wolfgang, ein bisschen zum Thema " Der Sinn des Lebens."
Lernen, Lernen und noch ein Mal Lernen.
Ilei
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Tanja König 10.10.2013
15:39:00
Gutmensch, ein Begriff, der immer sehr abwertend eingesetzt wird.
Trotzdem wird ständig erwartet, dass wir etwas tun, was wir selber nicht wollen, sei es für die Gesellschaft, die Firma oder irgendwelche Vereine.
Ich kenne eine Menge Leute, die sich über helfen profilieren wollen. Da geht es dann auch in einem Hilfeverein letztendlich um Posten und darum selber gut dazustehen. Ich bin ein Einzelgänger, was in meinem Fall bedeutet, dass ich möglichst wenig Menschen in meiner Umgebung haben möchte, es sei den es handelt sich um Kinder.
Ansonsten pflege ich gesellschaftliche Kontakte lieber auf Distanz, per Brief oder Internet. So kann ich mich austauschen, etwas machen, gegen oder für etwas kämpfen und brauche trotzdem keine Nähe ertragen.
Ich schreibe Bücher und damit versuche ich die Menschen zum "Nach"denken zu bringen. Verändern kann und will ich niemanden, aber vielleicht die eine oder andere Sichtweise ändern. Wie gesagt, der Schlüssel dazu sind Kinder und Jugendliche, die viel eher bereit sind, Dinge auch mal aus einer anderen Warte zu betrachten. Auch mich hat man schon als Gutmensch bezeichnet, aber viel öfter als nicht angepasste Querulantin. Leben und Leben lassen, das ist mein Wahlspruch.
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Wolfgang Siegel 17.10.2013
00:42:00
Frau König, wenn ich die anderen Menschen nicht anders oder besser haben will, dann kann ich auch nicht von ihnen enttäuscht werden. Ich kann mich zeigen, weil ich keine Angst vor ihren Reaktionen mehr habe. Und ich sehe auch besser, wenn sie mir wirklich schaden wollen - und kann dann intelligent handeln. Ich gehe niemandem aus dem Weg, wenn er mich nicht bedroht. Ich habe keine Lust, eine Mauer um mich aufzubauen und damit mir mein eigenes Gefängnis zu schaffen.
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Tanja König 17.10.2013
11:27:00
Die meisten Menschen interessieren mich schlicht und einfach nicht, Ich schaffe mir damit kein Gefängnis, sondern eine Oase der Ruhe. Hin und wieder treffe ich auf interessante Menschen, die ich vielleicht näher an mich heran lasse. Dazu muss ich sie aber nicht neben mir sitzen habe. Es gibt da einen Spruch, ich weiß aber nicht von wem er ist: Ich habe heute Abend mit einem Freund auf der Veranda gesessen. Drei Stunden haben wir geschwiegen und als er gegangen ist, hatte ich das Gefühl das intensivste Gespräch seit Jahren geführt zu haben.
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29.09.2013

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