Infobrief 14: Freiheit heißt: Den Dingen auf den Grund gehen

Unsere inneren gefühlsmäßigen Abhängigkeiten machen uns unfrei. Im Gefühl der Abhängigkeit können wir dem Leben oft nicht die besten Antworten geben. Dann handeln wir wie Automaten nach angelernten Verhaltensmustern. Manche Automatismen sind hilfreich, und im praktischen Fragen sind wir auf andere Menschen angewiesen, am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Nachbarschaft, weltweit. Wir brauchen Geld zum Leben und Nahrung, Kleidung, Wohnung, weil unser Körper diese Dinge benötigt und wir gut leben wollen.

Materielle Abhängigkeiten führen zu psychischen Abhängigkeiten, wenn wir uns an Dinge und Vorstellungen klammern. „Mein Partner darf mich nicht verlassen.“ „Dieses Auto will ich unbedingt haben.“ „Ich brauche die Anerkennung von meinem Chef.“ Wenn wir das, wovon wir uns innerlich abhängig gemacht haben, nicht bekommen, beginnt das Elend der Unzufriedenheit mit der Gegenwart, der Angst vor der Zukunft sowie Streit und Konflikte unter den Menschen. Unsere Wunschvorstellungen, die in der Vergangenheit entstanden sind, stehen uns im Wege bei einer guten Bewältigung der Gegenwart.

Unsere guten und schlechten Erfahrungen haben unsere Wunschvorstellungen hervorgebracht. Nichts gegen Wünsche. Unser Nervensystem ist einfach so konstruiert, und oftmals ist es nützlich, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. Wir erzeugen aber psychische Probleme, wenn wir an solchen Wünschen festhalten, die nicht der Realität entsprechen, - und wenn wir dies nicht wahrhaben wollen oder können.

Das klingt sehr einfach und vermutlich auch logisch. Aber diese inneren Prozesse beherrschen uns oft so sehr, dass wir sie nicht einmal bemerken. Letztlich entspringen alle psychischen Probleme und gesellschaftlichen Konflikte diesen unbewussten automatischen Gewohnheiten und realitätsfremden Wünschen. Sie können so mächtig sein, dass sie uns wichtiger sind als das wirkliche Leben. Sie erzeugen oftmals Gewalt gegen das eigene Leben und das Leben anderer Menschen. Wer dies begriffen hat, will kein Zombie mehr sein, der seinen automatischen Reaktionsmustern ausgeliefert ist. Wir wollen bewusst handeln und in Freiheit und Liebe leben, anstatt von Angst, Gier und Gewohnheiten getrieben zu sein.

Wir können dies nicht allein bewältigen. Deshalb haben wir schon vor Jahren die Kreise Andersleben gegründet. Inzwischen haben wir begriffen, wie zerstörerisch es ist, andere verändern zu wollen und selbst anders sein zu wollen, anstatt uns selbst zu verstehen. Deshalb sprechen wir über das, was in uns selbst vor sich geht, ohne Druck auf andere und ohne jeden Zwang gegen uns selbst. Wir wollen unseren eigenen Mustern auf die Spur kommen und uns von ungesunden Wunschvorstellungen befreien. Andersleben ist das Experiment neuer Entdeckungen, für den Einzelnen wie für uns als Gemeinschaft.

Nach dem letzten Andersleben-Treffen wurde mir bewusst, dass wir wegen der vereinbarten Zeitbeschränkung auf 15 oder 20 Minuten für ein einzelnes Thema manchmal Gespräche beenden, bevor alles ans Licht kommen ist, was uns an dem Thema berührt. Wenn Aspekte, die einzelne Teilnehmer gern noch einbringen wollen, aus Zeitgründen zurückgehalten werden, und wir zum nächsten Thema übergehen, dann gehen wir den Dingen nicht wirklich auf den Grund. Schließlich bringt erst das gemeinsame Interesse am Zusammentragen und Austauschen aller Seiten einer Thematik uns in neue Tiefen des Verstehens.

Wenn wir alle unsere Empfindungen, Gefühle und Gedanken einbringen, dann kommen aber auch „ungemütliche“ Sichtweisen ans Licht. Ich halte es für die größte Herausforderung in unseren Andersleben-Treffen - und in unserem Leben überhaupt -, dass wir uns ohne Beschränkung allen Verhaltens- und Denkmustern stellen und vor allem auch das ansprechen, was üblicherweise verschwiegen wird, natürlich nur soweit jeder es will und es jedem möglich ist. Dann ist es nicht mehr nötig, über „geistige Freiheit“ oder „andere befreien“ zu diskutieren, sondern die innere Freiheit kann sich entfalten und lebendig werden. Sie strahlt dann „ganz von allein“ nach außen und ermöglicht ein gutes gemeinsames Handeln.

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21.09.2013

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