Infobrief 13: „Verzeihen Sie niemals“ ?

In meinem Buch „Es lauscht am Stein der Weisen – Raus aus dem Gefängnis von Psyche und Gesellschaft“ habe ich ein Kapitel überschrieben mit „Verzeihen Sie niemals“. Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Arbeit führe ich eine Vergebungsarbeit durch. Wie passt das zusammen?

Wenn ein Mensch etwas Schlimmes getan hat, wird üblicherweise gesagt, dass er Schuld auf sich geladen hat. Und dann bittet er oder sie womöglich den Betroffenen um Verzeihung, und zwar sehr oft, ohne dass tiefgehend geklärt wurde, wie es zu der schlimmen Tat kam und was in ihm dabei vorgegangen ist. Das Verzeihen soll dann das Geschehen zudecken. Dagegen habe ich mich nachhaltig ausgesprochen. Denn alles, was nicht vollständig verstanden wird, wie das Verhalten eines Menschen, der ein Verbrechen oder einfach etwas Schlimmes getan hat, wird sich fortsetzen. Das innere Muster mit seiner Lerngeschichte, das zur Tat geführt hat, besteht weiter und wird zu neuen ähnlichen Taten führen. Das Schlimme wird genau durch das Verzeihen fortgeführt, wenn es ohne Verstehen geschieht. Wenn aber im Gespräch zwischen den Beteiligten klar wird, wie "der Täter" auf das negative Verhalten in seinem Leben konditioniert wurde, dann erst wird es sich nicht wiederholen. Wenn das beide im gemeinsamen Gespräch Seiten spüren, dann erübrigt sich die Aktion des Verzeihens.

Bei einer tiefgreifenden Vergebung, wie es in einer guten Psychotherapie geschehen kann, werden die Schuldgefühle gegenüber der eigenen Person aufgelöst. Das geht aber nur, wenn Groll, Wut und Hass auf andere ebenfalls enden. Denn wir können uns nicht selbst aus der Schuldspirale befreien, solange wir weiter andere beschuldigen. Es geht also darum, die ganze Schuldproduktionsmaschine in uns zu beenden, sowohl gegen sich selbst als auch gegen andere. Das Beenden von vergangenen und künftigen Schuldgefühlen geschieht nicht durch eine rein logische Einsicht in diesen Mechanismus, sondern die erlebte Gewalt, die hinter unseren Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen steckt, müssen wir wirklich fühlen. Dann hören wir damit auf, Gewalt und Schuld zu erzeugen, zu verbreiten und Schuld auf uns zu nehmen. Dann ist der Kopf frei, alle Dinge, die nicht gut sind, wahrzunehmen und ohne negative Emotionen damit umzugehen. Das ist das Klügste, was wir tun können, weil wir dann den Problemen, mit denen wir konfrontiert werden, optimal begegnen können.

Wenn du nicht nur zustimmst oder ablehnst, sondern dich wirklich diesen ungesunden Gefühlen stellst und sie immer genauer beobachtest, um sie ganz zu verstehen, dann gewinnst du innere Freiheit. Dann beginnt dein Andersleben.

Kommentare:

Schreiben Sie einen Kommentar.

Bisher keine Kommentare.

07.09.2013

nach oben