Infobrief 12: Hallo Piratenpartei, hallo ihr anderen Parteien, hallo Wähler!

Wir Nicht-Wähler lehnen die Demokratie nicht ab, sondern die Art und Weise, wie sie gelebt wird. (Ob ich für andere mitsprechen darf oder nicht, muss jeder selbst entscheiden) Wir sehen aber, dass der Krieg der Parteien gegeneinander kein einziges der vielen Probleme lösen wird. Stattdessen werden die Probleme, die sozialen wie die ökologischen, in Deutschland wie in der ganzen Welt immer größer.

Das ist auch nicht verwunderlich. Denn ihr Parteipolitiker befindet euch nicht im Kontakt mit der Realität, sondern seid verwirrt von euren jeweiligen politischen Vorstellungswelten. Ihr habt Farben gewählt, damit wir Wähler euch schnell erkennen: schwarz, rot, grün, gelb, lila, orange, braun. Dass die Welt bunt ist mit unendlich vielen Zwischentönen, hält euch nicht ab, gnadenlos immer nur die Fahne mit eurer Farbe hochzuhalten. Das ist eure Weltfremdheit. Ihr seid nicht in der Lage, die universelle Verbundenheit in der Welt zu sehen. Alles hängt mit allem zusammen, wir sind alle aufeinander angewiesen. Und die globalen wie die lokalen Probleme werden nur als gemeinsame Leistung aller Beteiligten gelöst werden können, falls die Menschheit sich nicht vorher zerstört.

Aber eure Farben auf der Fahne sind nicht das Wesentliche für euch. Sie sind nur euer Aushängeschild und bestimmen nicht euer Verhalten und eure Politik. Denn fast jeder, der in die Politik geht, egal zu welcher Partei, wird früher oder später von dem Virus des Parteiendenkens nach Anerkennung in der Öffentlichkeit, persönlicher Karriere und privatem Profit gepackt. Darin seid ihr euch alle mehr oder weniger einig.

Ihr seid aber nicht Schuld an der Misere. Die Welt der Parteien ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Jede/r kann auf unserem gesellschaftlichen Parkett nur etwas werden, wenn er oder sie die Konkurrenten aussticht. Das Gegeneinander ist Programm. Und alle Menschen, die von diesem Virus infiziert sind, machen mit bei den Wahlen und wählen die Partei, von der sie sich persönlich das meiste erhoffen, sei es finanziell oder ideologisch. Also seid ihr Politiker nicht besser und nicht schlechter als wir Wähler.

Aber immer mehr Menschen durchschauen dieses erbärmliche Spiel, erbärmlich, weil es ohne jegliche Liebe zum Leben ist. Wir identifizieren uns nicht mehr mit einer bestimmten Richtung. Wir haben begriffen, dass alle kooperieren müssen, um die Herausforderungen der Welt im gemeinsamen Interesse zu bewältigen. Die Suche nach persönlichen Vorteilen auf Kosten anderer und gegen sie verhindert dies. Deshalb wählen wir nicht mehr, solange die Parteien im Kampf gegeneinander stecken.

Aber vielleicht entdecken ja genügend Menschen diesen Zusammenhang, und es entsteht eine Partei mit neuen Qualitäten. In dieser Partei gibt es kein Programm mehr, sondern nur noch einen einzigen Programmpunkt: Entfaltung der Kooperationsfähigkeit, um die unterschiedlichsten Sichtweisen konstruktiv zusammen zu tragen und die Lebensbedürfnisse aller Menschen zu erfüllen, Denn dafür sind die technischen Fähigkeiten und materielle Reichtum längst vorhanden, die wir bisher nur für den Kampf gegeneinander verschwenden und dabei die Welt profitabel vergiften. Diese Partei wird eine überwältigende Zustimmung erhalten, weil sie der bewussten Sehnsucht vieler Menschen und der noch nicht bewussten Sehnsucht vermutlich aller Menschen entspricht.

Wird diese Partei eine Neugründung sein? Wird die Piratenpartei begreifen, dass genau diese Hoffnungen vorübergehend auf sie gesetzt wurden, als sie plötzlich Zulauf bekamen, bis sie auch wieder in innere und äußere Streitigkeiten versanken? Wird diese Perspektive in einer der Altparteien lebendig werden, weil Mitglieder dies begreifen, denen nicht der persönliche Vorteil, sondern das Allgemeinwohl ehrlich am Herzen liegt? Oder wird es ein Prozess sein, der die ganze Gesellschaft und damit auch alle Parteien mehr oder weniger gleichzeitig erfasst und anstelle von Parteiendemokratie eine neue Form von lebensbunter Demokratie hervorbringt? Wir wissen es nicht. Den zerstörerischen Krieg der Parteien gegeneinander werden wir bis dahin nicht weiter unterstützen.

Dies ist keine Werbung für das Nichtwählen, sondern nur eine Aussage über meine Sicht. Die Verantwortung für das gesellschaftspolitische Handeln trägt jeder selbst. Andere Erfahrungen und Überlegungen ziehen andere Entscheidungen nach sich. Und diese Vielfalt ist gut so. Was wir brauchen, ist ein gutes Miteinander und Austauschen, gerade in unserer Unterschiedlichkeit.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 3
Jürgen Pötschik 11.09.2013
22:15:00
Hallo, Wolfgang,
danke für deine Infobriefe, die mich stets zum Nachdenken und Nachspüren anregen. So auch dieser, dem ich gern zustimmen möchte.
Allerdings meine ich, dass das Nichtwählen keine Verhaltens-Option darstellt, mit der wir unser politisches System ändern können. Im Gegenteil: Solange wir noch in diesem System leben, führt das Nichtwählen rein rechnerisch zur Stärkung gerade auch derjenigen Parteien, die auf lange Sicht eher zu einer antidemokratischen Entwicklung beitragen. Durch Nichtwählen erreichen wir also genau das Gegenteil dessen, was wir wünschen.
Mein Vorschlag: wählt diejenigen „Kleinen", die noch immer am ehesten mit eurer Meinung übereinstimmen. Und es gibt zur Wahl 2013 ja sogar die Partei der Nichtwähler…
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Ilei 30.09.2013
11:32:00
Schalom Wolfgang,

fuer die meistens von uns die politischen Parteien sind eine Verlaengerung unsere Eltern-Kindern Beziehungen. Eltern kuemmern sich um deren Kinder und oft zu viel das Leben deren Kindern regulieren. Dieses Model tragen wir weiter auch wenn wir 40,60, 100 Jahre alt sind. Wir geben die Parteien die Federfuehrung. Wir erwarten dass Vaterstaat, die Loesungen fuer uns zaubern wird usw.......das ist kein Zufall, dass ein unfaehiger Mensch in unserer Gesellschaft so viele Vorteile haben. Bist du krank und unfaehing.....werden wir dich finanzieren. Bist du fleissig, verantwortungsbewusst.....wirst du die andere auf deinen Schultern tragen. Es ist Zeit (eingentlich schon vor 5000 Jahren :-) ) , dass jeder Verantwortung fuer sein Leben uebernehmen wird und Kooperation nur auf freiwillgen Basis stattfindet. Ich bin der Meinung, dass nicht waehlen zu gehen nicht die beste Loesung in der gegebenen Situation ist. Wir sollen die Parteien waehlen, die uns bei diesem Abnabelungsprozess unterstuezen, die uns von dieser zwanghaftigen Kooperation befreien. Mit allen Mankos, dass unseres politische Sysytem hat, kannst du ohne Angst so ein Artikel schreiben und veroeffentlichen. In DDR waere es nicht meoglich, ohne dass du im Knast landen wuerdest, geschweigend bei dem lieben Hitler. Es sind Parteien, die weniger schlimm als die andere, die mehr fuer Freihat stehen. Soll ich die bennen?
Alles Gute,
Ilei
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Wolfgang Siegel 30.09.2013
23:39:00
Lieber Jürgen, lieber Ilei,
Jeder kann wählen oder nicht wählen, wie er möchte. Ich weiß nicht, was richtig ist. Ich weiß nur, was ich empfinde: Ich sehe keinen Ausweg aus all unseren Problemen, solange das Gegeneinander fortgeführt wird. Daran wird eine kurzfristige Wahlentscheidung nichts ändern, wie immer sie auch ausgehen mag. Das wollte ich beschreiben und keine Nichtwählenempfehlung abgeben.
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23.08.2013

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