Infobrief 11:Was geschieht, wenn wir das Wort „Angst“ nicht benutzen?

Magst du dich einmal von einem ganz ungewöhnlichen Phänomen überraschen lassen? Dann stell dir doch einmal vor, du kennst das Wort „Angst“ nicht mehr.

Was machst du jetzt in dem Zustand, den du bisher als Angst bezeichnet hast? Üblicherweise löst das Wort „Angst“ den Reflex aus, so schnell wie möglich wegzukommen von diesem Gefühl. Du greifst jemanden an, der dir Angst macht. Oder du verdrängst die Situation, indem du dich besäufst, oder in Sex, vor den Fernseher oder Computer oder in sportliche Aktivitäten flüchtest oder eine andere der unendlich vielen Gegenmaßnahmen gegen die Angst anwendest. All dies sind reflexartige Reaktionen gegen die Angst, die du dir antrainiert hast oder die dir antrainiert wurden.

Aber weil du jetzt das Wort „Angst“ nicht mehr „kennst“, funktionieren diese Reflexe nicht mehr. Dein Gehirn verlangt aber gnadenlos eine Antwort auf diese Situation mit der „neuen“ Empfindung. Denn wir können das, was wir empfinden, nicht ignorieren. Du musst dich also darum kümmern. Das gilt natürlich auch für jenes Empfinden, das wir bisher als „Angst“ bezeichnet haben. Wenn du keine automatische Antwort darauf hast, dann wirst du auf einmal ganz aufmerksam für diesen ungewöhnlichen Zustand und flüchtest gedanklich nicht mehr davor.

Und was stellst du fest? Entweder es ist wirklich eine bedrohliche Situation, und du wirst das tun, was angesichts der Bedrohung notwendig und möglich ist. Oder du stellst fest, dass die Situation selbst gar nicht gefährlich ist, sondern dass du dir nur eine Vorstellung von Gefahr gemacht hast. Wenn dir dies bewusst wird, löst sich dieses (Angst-)Gefühl auf. Ganz so simpel ist es allerdings nicht. In einer ganz akuten Bedrohung haben wir nämlich keine Angst, sondern wir handeln unmittelbar, um uns zu schützen. Daneben wird es sich oft um eine Art Zwischending zwischen realer Bedrohung und nur gedanklicher Vorstellung handeln: Es besteht eine Situation, in der möglicherweise eine Gefahr droht.

Bei einer gedanklichen Vorstellung von einer Gefahr und auch bei einer möglichen realen Gefahr ist es das Klügste, in Ruhe und sorgfältig die Lage zu betrachten, um optimal handeln zu können, anstatt automatisch mit Angst zu reagieren.

Wenn du mir bis hierhin gefolgt bist, wird dir vermutlich klar, dass die Angst mit ihren automatischen Reaktionsmustern der Vermeidung und Verteidigung gar nicht hilfreich ist. Denn es wird nichts geklärt, deshalb kommen Ängste, die wir bekämpfen, immer wieder.

Wenn du dazu keine Lust mehr hast, dann stelle es dir nicht nur vor, dass du das Wort „Angst“ nicht mehr kennst, sondern höre wirklich vollständig damit auf, dieses Wort zu benutzen. Dann wirst du in Situationen, in denen dir das Wort „Angst“ auf der Zunge liegt, anstatt sofort mit Angst zu reagieren, erst einmal innehalten und schauen, was wirklich los ist. Und siehe da, das unangenehme Gefühl dieses Moments verschwindet. Es hat seine „Aufgabe“ erfüllt, dich wach zu machen und du handelst optimal gegenüber einer aktuellen Gefahr, angesichts einer möglichen Gefahr und erst recht, wenn dir bewusst wird, es sind ja nur Erinnerungen an eine frühere Gefahr, die plötzlich auftauchen.

Finde selbst heraus, ob mit dem Streichen dieses Wortes aus deinem Wortschatz zugleich alle Angstreaktionen aufhören und dein Geist befreit ist für ein intelligentes Handeln in echten wie auch in vermeintlichen Krisensituationen.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 7
Ilei 30.09.2013
10:00:00
Schalom Wolfgang,

ich sehe viele Wahrheit in diesem Artikel. Hinter Woertern verbergen sich Meinungen, Ideen, Erfahrungen. Die Woerter sind nicht mehr nacked. Sie sind belastet. Wenn die Woerter weg sind, haben die Erfahrungen/Ideen nichts worauf sie sich liegen koennen und dadurch besteht, die Moeglichkeit mehr in Kontakt mit der realitaet zu sein.
Viele Gruesse aus Berlin und vielen Dank fuer dieses interessantes Artikel.
Ilei
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Wolfgang Siegel 30.09.2013
23:42:00
Sehr schön, wie Du, Ilei, meine Aussage kurz und knackig zusammengefasst hast.
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Tanja König 10.10.2013
15:56:00
Das ist mir zu simpel ausgelegt. Die meisten Ängste sind nicht rational. Sie treten unerwartet auf, aus einer Situation heraus und man reagiert ohne nachzudenken. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Begriff "Angst" "Furcht" oder "Panik" ist.
Das lässt sich nicht durch die Vermeidung eines Wortes ändern, denn reale Angst tritt auf, wenn man mit etwas konfrontiert wird. In dem Moment ist sie ein Gefühl und dementsprechend wird man emotional, nicht rational, reagieren
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Wolfgang Siegel 17.10.2013
00:03:00
Ich habe nicht gesagt, dass das Gefühl nicht mehr auftritt, wenn man das Wort nicht benutzt. Das wäre wirklich zu billig, wenn man glaubt, mit dem Streichen des Wortes gäbe es das Gefühl nicht mehr. Aber wenn wir beim Auftreten dieses Gefühls nur das Gefühl wahrnehmen, ohne es als Angst zu bezeichnen. Dann muss unser Gehirn mit diesem Gefühl anders umgehen, weil dann die gelernten Muster, nicht mehr funktionieren. Das ist aber keine Behauptung, die man mir glauben soll. Ich schlage ein Experiment vor, das ich selbst erlebe. Und über unsere wirklichen Erfahrungen eines anderen Umgangs mit diesem Gefühl können wir uns dann austauschen.
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Tanja König 17.10.2013
11:34:00
Inwiefern "gelernte Muster"? Die Reaktion auf etwas Bedrohliches ist wohl fast das instinktivste Verhalten, das dem Menschen noch anhaftet.
Kein Tier wird sich wissentlich in Gefahr begeben, es sei denn es schützt seine Art oder sein Revier. Also warum soll ein Mensch anders handeln?
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Wolfgang Siegel 19.10.2013
01:03:00
Genau das muss man unterscheiden, finde ich:
- die unmittelbare biologische Überlebensreaktion in einer Gefahr. Das nenne ich Intelligenz des Lebens. Dazu gehört alles, was man noch gelernt hat über wirkliche Gefahren. Dann hat man keine Angst, sondern reagiert direkt und sinnvoll auf die Gefahr.
- die Angstreaktion, weil man an etwas erinnert wird, dass man früher nicht bewältigt hat. Dann entsteht das Gefühl der Angst. Das stört das intelligente Handeln. Aber es kann aufhören, wenn das Alte erkannt und bewältigt wird.
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Detlef Böhlke 14.11.2013
12:48:00
Angst kann einen jeden Tag und jede Minute gefangennehmen, ob ich das Wort nun benutze, oder nicht. Sie kann jemanden so stark umklammern, dass Panikattacken die Folge sind. Nach Schauen des Videos über "Vergebung", ist mir jedoch etwas bewusst geworden, was ich so vorher nicht gesehen habe. Angst, und in der schlimmen Form, dann als Panikattacken auftauchend, kommen nicht einfach nur, weil mal wieder November ist; dahinter steckt tatsächlich so viel mehr. Ich kann in jedem Fall bestätigen, dass eine Verschlimmerung der Angst damit zu tun haben kann, hilflos zusehen zu müssen, noch so viele alte Rechnungen offen zu haben. Mir ist durch das Video hier klar geworden: Es ist sinnlos, alte Rechnungen zu begleichen, mit Leuten, die einem Unrecht taten. Oftmals besteht diese Möglichkeit sowieso nicht mehr.Es würde oftmals sowieso nichts mehr ändern, da die Verletzer überhaupt kein Interesse daran haben, einem überhaupt zu zu hören, geschweige denn an einem Lösungsproblem zu arbeiten, dass sie selbst schon lange nichts mehr angeht. Alle Reflektion darüber, erzeugt aber Angst und später vielleicht sogar Panik. Da kommt man vermutlich wirklich nur raus, indem man die Schuld für diese Problematik, nicht nur bei sich selbst sucht- mit sich ins Reine kommt- und einsieht, wie schwach die Verletzer eigentlich selbst sind; weil bei ihnen etwas nicht stimmt.
Aus eigener Erfahrung weiß ich: Angst ist mehr als ein Wort, das man einfach weglässt und wir fühlen uns vielleicht besser.
Mir ist heute klar geworden: eine Eskalation einer Angst- und Panikstörung kann damit einhergehen, keine Vergebung für sich und andere finden zu können.
Zum Schluss herzliche Grüße und Dank für die Möglichkeit mit Ihnen kommunizieren zu können, auch ohne einen Therapieplatz bekommen zu können.
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19.08.2013

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