Infobrief 10: Andersleben braucht Selbstliebe

Wenn wir mit uns selbst beschäftigt sind, mit unseren Sorgen und Ängsten, ist Andersleben meilenweit entfernt. Die gewöhnliche Gewohnheit, in der wir enorm viel Lebensenergie verschwenden, besteht darin: Sorgenvoll um uns selbst kreisen.

Glücklich sind wir jedoch nur, wenn wir Verbundenheit verspüren. Das musst du mir nicht glauben. Du weißt es. Wenn du dich verbunden fühlst, geht es dir gut. So absolut einfach ist das.

Was hält uns davon ab, glücklich zu leben und Andersleben in die Welt zu bringen. Was treibt uns in Streit, Konflikte, Angst und Ärger? Auch das ist sehr einfach: Schlechte Erfahrungen, mit denen wir nicht fertig geworden sind. Negative Erinnerungen mischen sich permanent in unser Leben ein, meistens sogar, ohne dass wir es direkt merken. Wir sind unzufrieden oder haben andere negative Gefühle, wir lassen uns in Streit hineinziehen oder zetteln ihn selbst an, und unser Körper schreit in der Sprache psychosomatischer Beschwerden: Hör auf so zu leben, suche den Weg in die Verbundenheit.

Die negativen Gefühle sind nicht schlimm. Schlimm wird es, wenn wir sie unterdrücken wollen. Denn unsere Gefühle wollen uns etwas mitteilen, sie sind ein Teil von uns. Sie machen uns aufmerksam, was in diesem Moment nicht stimmig ist und welche unbewältigten Erinnerungen sich gerade einmischen. Wenn wir sie wegmachen wollen, anstatt sie auf uns wirken zu lassen, um sie zu verstehen, dann führen wir einen Kampf gegen uns selbst. Wer Angst und Gier bei sich bekämpft, wird immer ängstlicher und gieriger und kreist um sich selbst. Wir lehnen dann Teile von uns ab, es fehlt uns an Selbstliebe. Ohne Selbstliebe können wir auch nicht die anderen Menschen und die Welt lieben.

Viele der Propagandisten von „Nächstenliebe“ oder von der „Auflösung des Egos“ haben die Notwendigkeit der Selbstliebe, um überhaupt lieben zu können, anscheinend nicht begriffen. Ist das vielleicht der Grund, dass trotz der Jahrtausende alten buddhistischen, christlichen und anderen religiösen Lehren die Menschheit immer noch kein rechtes Verhältnis von Selbstfürsorge einerseits und Mitgefühl/Nächstenliebe andererseits gefunden hat? Wenn die Selbstliebe nicht akzeptiert wird und nicht gelebt werden kann, dann setzt sich dieses elementare Bedürfnis der Selbstfürsorge unbewusst mit Gewalt gegen sich selbst oder gegen andere durch. Eine nicht akzeptierte Selbstliebe verwandelt sich in rücksichtslosen Egoismus, in dem die Kette der Gewalt, mit der wir uns fesseln, sich immer weiter fortsetzt.

Wenn du in diesem Schlamassel der Angst vor deinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen noch steckst und beispielsweise deshalb Hilfe beim Psychotherapeuten suchst, bist du dann offen für Andersleben, und bereit, dich allen Gefühlen zu stellen, die spontan hochkommen? Ist dir bewusst, dass dein Horizont für die Welt beim Kreisen um dich selbst sehr klein ist? Wenn du tief verstanden hast, dass nichts, aber auch gar nichts von dir falsch ist, dass alles, was sich nicht gut anfühlt, verstanden und nicht bekämpft werden will, dann ist die natürliche Neugier da, über den eigenen Tellerrand hinaus in die Welt zu schauen. Dann hast du die Energie, für unsere eigentlich Aufgabe als Menschen, das Negative durch tiefes Verstehen in Gutes zu verwandeln und es in die Welt zu bringen. Dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe - und Andersleben geschieht.

Kommentare:

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Bisherige Kommentare: 2
Charlotte 04.11.2013
13:54:00
Ich habe es geschafft....vielleicht noch nicht mich wirklich zu lieben, aber doch zu akzeptieren und sogar zu mögen-mich sein zu lassen. Seitdem fällt es mir viel leichter, auch die Menschen in meiner Umgebung sein zu lassen und sie, genau wie mich, nicht immer verändern zu wollen! Das ist in den Beziehungen zu meinen Mitmenschen eine riesen Erleichterung und führt dazu das es mir und auch den Anderen immer besser geht! Ich habe beschlossen, nicht ausschließlich aber doch im Großen und Ganzen, die negatieven Erfahrungen aus der Vergangenheit aber auch im Alltag, beiseite zu stellen und mich auf die positiven Erinnerungen und Dinge in meinem Alltag zu konzentrieren bzw die negativen Sachen anzunehmen und stehen zu lassen ohne sie permanent überzubewerten. Wenn man es schafft, das Negative sein zu lassen(und auch die negativen Seiten eines Menschen sein zu lassen), ohne es wie Du so schön sagst \\"wegmachen\\"zu wollen, dann kann man überrascht sein-ich war und bin es- wieviel Positives vom eigenen Leben und von der anderen Person überbleibt!
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Detlef 14.11.2013
13:42:00
Was aber ist, wenn ich keinen Zugang zu anderen Menschen finde? Wenn sie mir gar nicht mal einen Zugang gewähren. Wie kann Verbundenheit dann entstehen? Ich habe manchmal das Gefühl, dass es dann zu einer sehr einseitigen Angelegenheit werden kann. Liegt es dann nicht auch an mir, wenn ich von der Verbundenheit nichts zurück bekomme, was sie mich noch stärker spüren lassen würde?
Spüren die Anderen dann, dass ich mit mir selbst nicht klarkomme und bewerten mich als "unaufrichtig" oder nicht wert, ihre Verbundenheit mich spüren zu lassen?
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12.08.2013

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